Miss Elizas englische Küche

  • btb
  • Erschienen: Juni 2022

- übersetzt von Michaela Meßner

- TB, 450 Seiten

Miss Elizas englische Küche
Miss Elizas englische Küche
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Carola Krauße-Reim
65

Belletristik-Couch Rezension vonAug 2022

Das erste englische Kochbuch entsteht

Die britische Autorin Annabel Abbs hat sich ganz „historischen Frauenstoffen“ verschrieben. Ihre Romanbiografie über Frieda von Richthofen fand großen Anklang, während die über James Joyces Tochter Luisa viel Kritik erntete. Jetzt hat sich Abbs wieder einer Frau gewidmet, die Besonderes geleistet hat und dennoch kaum bekannt sein dürfte.

Eliza Acton und Ann Kirby

England 1835. Eliza Acton wächst in einer gut situierten Familie auf und hofft auf eine Karriere als Dichterin. Doch eine familiäre Katastrophe zwingt sie dazu, ein Kochbuch zu schreiben. Die stehen zu dieser Zeit hoch im Kurs, denn Gewürze aus allen Ländern des Empire erreichen die Insel. Doch Eliza weiß gerade einmal, dass ihr Zuhause eine Küche besitzt – drinnen war sie noch nie und kochen kann sie erst recht nicht. Die Rezeptbücher, in denen sie Hilfe sucht, enttäuschen sie maßlos und so entschließt sie sich ein ganz neuartiges Kochbuch zu schreiben, das genaue Mengenangaben, Zubereitungszeiten und abwechslungsreiche Zutaten beschreibt. Die Arbeit daran dauert 10 Jahre. Unterstützung findet sie in ihrer Küchenhilfe Ann Kirby, einem Mädchen aus ärmlichsten Verhältnissen, das aber schreiben und lesen kann und sich bald als hervorragende Köchin entpuppt.

Die gesellschaftlichen Zwänge der Frauen

In diesen Zeiten unterlagen Frauen enormen gesellschaftlichen und moralischen Zwängen, egal welchen Stand sie innehatten. Eliza und Ann verkörpern dieses Dilemma: Eliza gilt schon als alte Jungfer und soll unbedingt einen reichen Mann finden. Gleichzeitig trägt sie ein Geheimnis mit sich herum, das genau das verhindern würde, wenn es heraus käme. Ann muss arbeiten, um sich zu ernähren und ihren alkoholabhängigen, behinderten Vater und die demenzkranke Mutter zu unterstützen.

Abbs orientiert sich an vielen historischen Personen in diesem halb-biografischen Roman, doch von Ann Kirby ist nur der Name bekannt. Dennoch ist ihre Figur glaubhafter gelungen als die Charakterisierung von Eliza. Die mutiert über Nacht von einer völlig Ahnungslosen zu einer gestandenen Köchin, die zwar manches mehrfach ausprobieren muss, bevor es gelingt, die sich aber dennoch aus dem Stand heraus an sehr komplizierte Rezepte wagt.

Die Zusammenarbeit der beiden extrem unterschiedlichen Frauen wird erst sehr ausschweifend beschrieben, bevor dann der Roman schlagartig endet. Fast hat es den Anschein als hätte die Autorin die Lust am Schreiben verloren, denn bis zur Veröffentlichung des Buches schafft sie es nicht einmal und gerade die Zeit danach wäre genauso interessant gewesen, denn schnell kupferten andere die Rezepte ab und gaben sie als eigenes geistiges Eigentum aus.

Zwei Erzählperspektiven und wenig Geschichte

Die Geschichte wird sowohl von Eliza als auch von Ann erzählt. Allerdings passiert nicht wirklich viel. Abbs konzentriert sich ganz auf das Geschehen in der Küche und beschreibt in einem wenig ausdrucksstarken Stil, wie was gekocht wurde. Die Rahmenhandlung außerhalb der Küche ließe sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Damit ist der Roman vor allem etwas für eine Leserschaft, die auch ganz gerne einmal den Kochlöffel schwingt. Das unterstreichen auch die im Anhang befindlichen Rezepte, die allerdings in unserer Zeit teilweise etwas fehl am Platz sind, denn gekochtes Schwanenei dürfte weniger en vogue sein und gegrillter Aal mit Salbei ist bestimmt auch nicht jedermanns Sache.

Abbs versucht mit ihren beiden Protagonistinnen auch Gesellschaftskritik zu üben. Die allerdings versandet fast, denn Anns existentielle Probleme und die angedeuteten Zustände im Heim ihrer Mutter werden nur angerissen, während die gesellschaftlich verursachten Nöte von Eliza sich immer wieder zum Guten wenden und schlussendlich überhaupt kaum Auswirkungen auf ihr Leben haben. Eine ausführlichere Beschreibung hätte den beiden Frauen mehr Charakter und der Geschichte mehr Tiefe gegeben.

Fazit

Eine Romanbiografie, die vor allem der kochbegeisterten Leserschaft gefallen dürfte. Annabel Abbs lässt zwei Frauen die Entstehung des ersten englischen Kochbuches erzählen, wobei sowohl Charaktere als auch Geschichte mehr Tiefe und Ausführlichkeit vertragen hätten.

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