Spiegelbild im goldnen Auge

  • Audoba
  • Erschienen: Oktober 2021

- gelesen von Jens Wawrczeck

- 1 MP3-CD

- Goldbek Records / Indigo

Spiegelbild im goldnen Auge
Spiegelbild im goldnen Auge
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Yannic Niehr
70

Belletristik-Couch Rezension vonSep 2022

„Eine Garnison in Friedenszeiten ist ein langweiliger Ort …“

… mit diesen Worten beginnt eine Geschichte, irgendwo und irgendwann in den Südstaaten: Krieg ist nicht in Sicht, man lebt in den ereignislosen Tag hinein. Bevölkert ist diese kleine Garnison jedoch von einer Menge interessanter Charakterköpfe. Da wäre der hochdekorierte Major Penderton, etwas kauzig, aber hochintellektuell; seine nicht auf den Mund gefallene Frau Leonora, deren Affäre mit Colonel Langdon von ihrem Mann, der sich dem männlichen Geschlecht mehr zugeneigt fühlt (und sich gelegentlich in ihre Liebhaber verliebt), anstandslos geduldet wird; Langdons Ehefrau Alison, die gemeinsam mit dem philippinischen Butler Anacleto den schönen Künsten frönt; und der verklemmt fromme, unberechenbare Private Williams. Eines Abends erhascht dieser durchs Fenster zufällig einen Blick auf die nackte Leonora – und damit werden Ereignisse in Gang gesetzt, die das, was unter der Oberfläche dieser scheinbar so heilen Welt brodelt, hervorholen und die vermeintliche Langeweile ins Wanken bringen …

„Das Leben war manchmal wirklich zu traurig“

Spiegelbild im goldnen Auge (bereits mehrfach in Deutschland veröffentlicht, auch unter dem Titel Der Soldat und die Lady) erschien ursprünglich 1941 und wurde 1967 (mit Marlon Brando und Liz Taylor in den Hauptrollen passend besetzt) verfilmt. Er gehört zu den wenigen Romanen Carson McCullers‘, die sich nach einem abwechslungsreichen Werdegang der Prosa sonst zumeist eher in Kurzgeschichtenform gewidmet hat. In ihrem Werk dekonstruiert sie häufig das durch Kunst und Literatur geprägte, oft romantisiert-verklärte Bild der Südstaaten von dazumal.

In gewisser Weise stellt Spiegelbild im goldnen Auge also einen verknappten Mikrokosmos der US-amerikanischen Gesellschaft dar, in der jede und jeder einen festen Platz einnimmt – ob es einem nun passt oder nicht. Gleichzeitig wird dieses feste Gefüge stetig hinterfragt, indem darunter ungeahnt schlummernde Abgründe ausgelotet werden. Hinter der unscheinbaren Fassade, die sich so gibt, wie man es erwartet, sieht es oftmals ganz anders aus; das nach außen hin so natürlich wirkende Gleichgewicht ist nur allzu fragil. Trotz solch gewichtiger Themen verkommt der Roman nicht zum larmoyanten Sozialdrama. Dies liegt vor allem an McCullers geistreichem Schreibstil: Sie versteht es, ihre Figuren vielschichtig anzulegen und deren dysfunktionales Beziehungsgeflecht aus immer wieder wechselnden Perspektiven zu beleuchten, und all dies mit äußerst willkommenem Humor.

Als Hörbuch vertont wird diese Geschichte in der vorliegenden Fassung von Jens Wawrczeck, den hierzulande sicher viele noch aus ihrer Kindheit als „Peter Shaw“ aus den „???“-Hörspielen kennen. Wawrczeck hat unter seinem eigenen Label Audoba bereits mehrere Klassiker hochwertig produziert. Besonders erwähnenswert ist die Reihe „Verfilmt von Alfred Hitchcock“, in welcher Wawrczeck verschiedene Buchvorlagen von Filmklassikern des Regie-Altmeisters einsprechen durfte. Seiner angenehmen, aber ausdrucksstarken und wandelbaren Stimme ist leicht zu folgen, und mühelos denkt und fühlt er sich in die psychologisch hochkomplexen Figuren McCullers‘ein. So entsteht ein kurzweiliges Hörvergnügen für gemütliche Herbstabende.

Fazit

Mit Spiegelbild im goldnen Auge verhilft Jens Wawrczeck einem eher unbekannten literarischen Kleinod zu neuem Glanz, das nostalgischen Charme mit zeitloser Menschenkenntnis vereint. Für Hörbuchfreunde ein gelungener Geheimtipp!

Spiegelbild im goldnen Auge

, Audoba

Spiegelbild im goldnen Auge

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