Oh, William!

Erschienen: November 2021

Bibliographische Angaben

- übersetzt von Sabine Roth

- HC, 244 Seiten

Couch-Wertung:

95
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Carola Krauße-Reim
Eine Geschichte mit Seufzer

Rezension von Carola Krauße-Reim Dez 2021

Elizabeth Strout ist studierte Juristin, doch hat sich nach dem erfolgreichen Abschluss ganz dem Schreiben gewidmet. Ihre Bücher waren alle Bestseller, viele wurden ausgezeichnet oder zumindest nominiert. Oh, William ist die lose Fortsetzung zu den Romanen Die Unvollkommenheit der Liebe (2016) und Alles ist möglich (2018), in denen Lucy von ihrer Beziehung zur Familie erzählt und Erinnerungen an ihre schwierige Kindheit schildert.

Lucy erzählt wieder

Lucy und William haben als Studenten geheiratet, zwei Töchter bekommen und sich auseinandergelebt. Heute sind sie schon jahrelang geschieden, haben andere Partner und sind beide erfolgreich in ihren Berufen. Doch ihre Verbundenheit gibt es noch immer. Da ist es nicht verwunderlich, dass William als erstes Lucy anruft, als er von seiner dritten Frau verlassen wird. Und damit nicht genug: Über eine Internetseite findet William heraus, dass seine Mutter eine Tochter hatte, die sie - wie ihren ersten Ehemann auch - verlassen hat. 

Wie ein Gespräch unter Freunden …

... so mutet dieser Roman an. Die Distanz zwischen der Erzählerin Lucy und dem Leser ist schon mit den ersten Sätzen wie weggewischt. Wir schauen tief in die Seele dieser Frau, die ihren geliebten zweiten Mann mehr verloren hat als ihren geschiedenen ersten. Immer wieder schweift sie in die Vergangenheit ab, die sie sich teilweise schönreden will, die aber nicht so rosig war, wie sie es gerne gehabt hätte. Die Schwiegermutter als dominante und ständig anwesende Kontrollinstanz wird nur zögerlich als Belastung zugegeben, der Ehemann William kaum als egoistischer Macho wahrgenommen. Erst langsam offenbart sie in Bruchstücken und nur zwischen den Zeilen die Defizite in der Beziehung, die Sorgen um die beiden Töchter nach der Trennung, ihre eigenen geheimen Freiheiten und den vielleicht nicht ganz ungewollten Kontrast des zweiten Ehemannes David zu William, dem scheinbar perfekten Erfolgsmenschen. Aber heute kann Lucy - wenn sie es will - Distanz in ihrer Beziehung zu William wahren; ein Seufzer „Oh,  William“ reicht ihr dann als Beitrag zu seiner Misere. Doch die Tiefe ihrer Beziehung zu William treibt sie dazu (wenn auch anfänglich widerwillig), aktiv zu werden. Sie ist bereit zuzuhören, und macht sich mit ihm auf die Suche nach seiner bisher unbekannten Halbschwester.

Intensiv und berührend

Der Stil von Elizabeth Strout ist einmalig! In einem unverbindlichen Plauderton fesselt sie den Leser an das teilweise lapidare Geschehen, um dann fast unbemerkt Themen von immenser Tragweite anzusprechen. Kriegsgefangenschaft, Nutznießer des Krieges, tiefsitzende Ängste, Vertrauensbruch, Trauer und Tod sind nur einige der Probleme, die behandelt werden. Und immer hat man das Gefühl, mit einer Freundin bei einer Tasse Kaffee darüber zu sprechen. Die Atmosphäre der Verbundenheit kann keine so schaffen wie Elizabeth Strout. Das heißt nicht, dass man immer mit Lucy auf einer Linie sein muss. Gerade wenn sie immer wieder, fast scheint es ungewollt, tiefere Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt in der Vergangenheit zulässt, zeigt sich eine Frau, die viel ausgehalten, sich viel rosarot eingefärbt hat, mit deren Verhalten der Leser aber auch kritisch umgehen kann. Strout verbindet spielerisch Vergangenheit und Gegenwart - eines bedingt das andere, und am Ende bleibt Lucys Erkenntnis:

     „Und am Schluss bleiben wir alle Geheimnisse. Mythen. Wir sind alle gleich unerforschlich, das will ich damit sagen. Das ist vielleicht die einzige Wahrheit, derer ich mir ganz sicher bin.“

Fazit

Ein Buch wie das Leben selbst - mit Höhen und Tiefen, mit Rückblicken und Erkenntnissen. In ihrem ganz eigenen Stil erzählt Elizabeth Strout von einem Paar, das geschieden ist und vielleicht gerade deshalb eine ganz besondere, intime Beziehung hat. Oh, William ist wie eine Plauderei unter Freundinnen und für mich eines der besten Bücher des Jahres 2021!

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