Cherubino

Erschienen: November 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 320 Seiten

Couch-Wertung:

40
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Carola Krauße-Reim
Eine Schwangerschaft in vier Akten

Rezension von Carola Krauße-Reim Dez 2021

In ihrem neusten Werk widmet sich die österreichische Autorin einer 39-jährigen Opernsängerin, die selbstbewusst und unabhängig ist und nicht ganz ungewollt schwanger wird, als sie gerade Engagements an der Metropolitan Opera in New York erhält und eine Hauptrolle bei den Salzburger Festspielen singen soll.

Iris wird schwanger

Die Geschichte könnte auch in einem Groschenheft stehen und nicht in einem mir unbegreiflicherweise nominierten und gar ausgezeichneten Roman. Eine selbstständige Frau wird schwanger - als Vater kommen zwei Männer aus Langzeitbeziehungen in Frage, die voneinander aber nichts wissen. Den einen, ihr Traumvater, verheirateter Politiker mit Kindern, interessiert die Schwangerschaft wenig und er will an der geheimen Beziehung nichts ändern; mit dem anderen (italienischer Opernsänger) ist sie verlobt, benutzt ihn aber nur so lange, bis der Politiker wieder für ein paar Stunden zur Verfügung steht. Beruflich läuft es gerade mehr als gut - doch wie lange noch, wenn die Schwangerschaft offensichtlich wird? Der Plot hat so wenig Tiefe, dass nur ein ausdrucksstarker Stil und eine gekonnte Figurenzeichnung ihn noch retten könnten. Doch die Hoffnung darauf löst sich schnell in Luft auf.

Plakativ und anstrengend

Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass Iris Schiffer eine Egoistin ist, wie sie kaum schlimmer sein könnte. Zwar lässt sie sich vom Politiker-Liebhaber nach allen Regeln der Kunst für geheime Schäferstündchen ausnutzen, aber ansonsten kennt sie nur eine Person: sich selbst. Die Schwangerschaft verschweigt sie ihren Arbeitgebern, obwohl das Engagement in Salzburg in die Zeit der Entbindung fällt und das an der MET in die Anfänge der Schwangerschaft; sie will unbedingt, dass Politiker Ludwig der Erzeuger ist und benutzt Sergio, den Opernsänger, bedenkenlos für die Rolle des Vaters. Das hat mit Selbstbestimmung und unabhängiger Frau nur noch wenig zu tun und lässt den Charakter kaum zum Sympathieträger werden, dem sich Frauen verbunden und solidarisch fühlen können. Auch die anderen Figuren sind keine charmanten Charaktere. Sie verkörpern alle einen ausgesprochen egoistischen, ja egozentrischen Lebensstil, der zwar für sie passend zu sein scheint, aber dem man nur wenig Sympathien entgegenbringen kann und der zeitgleich auch zu eindimensional erscheint. Wer selbstständig sein Leben meistern will, muss „ein Schwein sein in dieser Welt“ - das scheint die erschreckende und einzige Botschaft der Autorin zu sein. Leider ist der Schreibstil dieser Botschaft angepasst. Streckenweise in stakkatohaften Sätzen gehalten, wirft er das Geschehen dem Leser regelrecht vor die Füße, nur um dann wieder endlos und dem gängigen Klischee entsprechend von der Schwangerschaft und den Untersuchungen und Kontrollterminen zu erzählen. Kurz gesagt: Auch Figuren und Stil retten nichts mehr.

Abruptes Ende und kryptische Kapitelüberschriften

Der Leser durchlebt mit Iris Schiffer die Höhen und Tiefen des Berufs der Opernsängerin, die mit allen Mitteln verteidigte Selbstständigkeit und die kompletten Monate der Schwangerschaft, nur um dann mit der Geburt des Kindes aus dem Leben der Iris Schiffer geworfen zu werden. Was danach passiert, was spannender gewesen wäre als so mancher Kontrolltermin vorher, wird nicht mehr erzählt. Doch an diesem Punkt hatte ich mich eigentlich auch schon von der Geschichte verabschiedet, die für mich an der Egozentrik der Protagonistin zugrunde ging, auch wenn ein Ausflug in die Welt der Oper interessant war. Warum Andrea Grill allerdings im Anhang ein „Rollenverzeichnis 2000-2009“ und eine Liste von „CD-Aufnahmen“ listet, wie man sie in einer Biografie einer real existierenden Opernsängerin vermuten könnte, ist mir genauso schleierhaft, wie die Überschriften der einzelnen Kapitel, die ja wohl mit z.B. *34 (102cm) kaum die Größe des Embryos meinen können.

Fazit

Cherubino ist eine Enttäuschung in Plot, Stil und Figurenzeichnung, die man lesen kann, aber besser im Regal beim Buchhändler stehen lassen sollte, wenn man nicht gerade auf Egoisten in Reinform steht.

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