Die Schneiderin von Paris

  • Goldmann
  • Erschienen: Oktober 2021

- OT: The Dressmaker of Paris

- aus dem Englischen von Andrea Fischer

- Broschur, 544 Seiten

Die Schneiderin von Paris
Die Schneiderin von Paris
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Julian Hübecker
84

Belletristik-Couch Rezension vonNov 2021

Vom Schmerz des Verlustes

Rosa hat eigentlich alles erreicht, was man sich im Leben wünschen kann: Insbesondere ist sie erfolgreiche Geschäftsfrau und hat sich ein Modeimperium aufgebaut. Doch wenn sie zurückblickt, so hat sie einige schwere Zeiten durchlaufen. Und eine Wunde konnte sie bis dato nicht schließen – das soll sich nun ändern. Wie es zu dieser Wunde kommen konnte, ist bewegend erzählt …

„Eine Frau sollte ihr Heim nie verlassen, ohne ihr Aussehen mindestens zweimal gründlich geprüft zu haben: vorne, hinten und von den Seiten.“

Rosa wächst während des Zweiten Weltkriegs in einem kleinen Dorf in Italien an der Grenze zur Schweiz auf. Ihre Familie hat nicht viel Geld, aber wenigstens ist da der eigene Gasthof, der Geld einbringt – sofern ihr Vater dieses nicht versäuft. Rosa ist schüchtern, die Mutter hat kaum Zeit, sich um die zwei Töchter zu kümmern; aber wenigstens mangelt es Rosa an wenig. Das ändert sich, als die Deutschen ins Dorf einmarschieren. Feldwebel Schleich, ein dicker, schweinsäugiger Mann, hat es auf Rosa abgesehen. Sie versucht, sich ihm zu entziehen, doch als ihr eigener Vater sie beim Glücksspiel verzockt, ist sie dem Widerling ausgesetzt: Sie wird vergewaltigt und dazu noch schwanger.

Rosa flieht aus dem Dorf in die Schweiz, wo sie von einem jüdischen Professor aufgenommen wird, der seine gesamte Familie auf der Flucht verloren hat. Er nimmt sie liebevoll auf und kümmert sich rührend um sie und ihren Sohn. Doch Rosa erhofft sich für ihr Kind ein besseres Leben und beschließt, nach Paris zu gehen und genügend Geld zu verdienen, um ihren Sohn nachzuholen - ein Entschluss, den sie ihr Leben lang bereuen wird …

Eine packende Lebensgeschichte

Rosas Vergangenheit nimmt den größten Teil des Buches ein. Die Kapitel werden aber durch Einleitungen der gegenwärtigen Rosa aus dem Jahr 1991 begonnen, die einer bis zum Schluss unbekannten Person von ihrem Leben erzählt. Man weiß also als gespannter Leser, dass aus ihr eine resolute Frau wird, die viel auf ihr Äußeres setzt und abgeklärt auf die Vergangenheit blickt. Der Kontrast zwischen der Rosa, die als Jugendliche schwanger wird und der, die ein Modeimperium führt, ist gigantisch, weicht aber zu schnell auf. Der Übergang ist nicht fließend und stört ein wenig.

Auch muss man sich überlegen, welche Erwartungen man an das Buch hat: Man sollte nicht auf ins Detail gehende Kniffe aus der Modewelt hoffen – denn die bleiben aus. Vielmehr wird Rosas Weg von Italien über die Schweiz nach Paris und von dort nach Brasilien und in die USA nachverfolgt, der nicht minder spannend ist, aber doch so ganz anders, als man es sich vorgestellt hätte. Dennoch ist Rosas Leben mitreißend und sie als Protagonistin berauschend. Sie musste viele schwierige Entscheidungen in ihrem Leben treffen, und besonders der Verlust ihres Sohnes wird sie nie loslassen. Dann ist da aber noch Thomas: Ihre erste große Liebe, der zwar deutscher Soldat war, ihr aber zur Flucht verhalf. Obwohl sie danach so manchen Mann geliebt hat, hat auch Thomas stets ein Loch in ihrem Herzen hinterlassen.

Wird sie beide Wunden nach Jahrzehnten endlich schließen können?

Fazit

Georgia Kaufmann startet mit Die Schneiderin von Paris ihr Debüt und schafft direkt etwas Glamouröses. Rosas Leben ist gezeichnet von vielen Opfern, die sie erbringen musste, aber auch von einer schillernden Stärke, die auf jeder Seite mitschwingt.

Die Schneiderin von Paris

, Goldmann

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