Alle außer Alice

Erschienen: Oktober 2021

Bibliographische Angaben

- übersetzt von Sylvia Strasser

- Broschur, 544 Seiten

Couch-Wertung:

98
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Stefanie Eckmann-Schmechta
Wenn Dein Leben einfach zehn Jahre vorgespult wird …

Buch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta Nov 2021

Alice Love wird auf dem Fußboden eines Fitnessstudios wach. Für sie ist immer noch 1998: Sie ist zum ersten Mal schwanger und glücklich mit Nick verheiratet. Doch es ist bereits das Jahr 2008, und vieles hat sich grundlegend geändert - sogar Alice.

Wenn Du Dein heutiges Leben durch Dein früheres „Ich“ betrachten könntest, was würde es sagen?

Alice begreift die Welt nicht mehr: Wie kann sie nur – unsportlich wie sie ist – in einem Fitnessstudio auf den Kopf gefallen sein? Was macht eigentlich ihre Arbeitskollegin hier, und weiß die eigentlich, wie alt sie aussieht? Wer sind bloß die vielen Leute, die sie offenbar alle kennen und von „dem großen Tag“ sprechen?

Und was ist aus ihr geworden? Wer ist diese stets gestylte, extrem schlanke und durchtrainierte Alice, die nie Zeit hat, die ihre alte Nachbarin so vor den Kopf gestoßen haben muss, dass diese sie nicht einmal mehr grüßt? Noch nicht einmal ihre eigene Schwester scheint noch eine gute Meinung von ihr zu haben!

Alles, woran sich Alice erinnern kann, ist, dass sie Nick vermisst. Doch als sie vom Krankenhaus die Telefonnummer seines Arbeitsplatzes wählt, wird sie schroff von seiner Sekretärin abgefertigt – seit wann ist Nick Geschäftsführer? Als Nick sie dann ebenso unfreundlich zurückruft, erfährt sie von ihrer Schwester Elisabeth, dass sie und Nick in Scheidung leben. Für Alice ist das alles unvorstellbar. Wie konnte es nur dazu kommen?

Obwohl ihre Erinnerungen noch nicht zurückgekehrt sind, wird Alice nach Hause entlassen. Sie weiß mittlerweile, dass sie drei Kinder hat und dass die alte Bruchbude, die sie der alten Dame einst abgekauft hatten, nun ein wunderschönes Zuhause geworden ist. Wie es zu all dem gekommen ist - Alice hat keine Ahnung. Und dann taucht auch noch der attraktive Schulleiter Dominick auf, der offensichtlich eine Affäre mit ihr begonnen hat … dabei möchte sie nur eins: Sie möchte, dass Nick wieder zu ihr zurückkommt.  

>> „Du hast also jemanden namens Ben geheiratet.“ Ihr fiel wieder ein, wie das schniefende Kind am Telefon einen Onkel Ben erwähnt hatte. Das Ineinandergreifen verschiedener Teilchen war fast noch schlimmer, weil es den Eindruck erweckte, dass alles für jeden einen Sinn ergab – außer für Alice <<

Liane Moriarty, die australische Bestsellerautorin, schrieb das Buch zur erfolgreichen und vielfach ausgezeichneten HBO-Serie Big Little Lies. Ihr Talent für die schwarze Komödie stellte sie auch mit ihrem darauffolgenden Roman Neun Fremde (Nine Perfect Strangers) unter Beweis, ebenfalls als Serie verfilmt und u.a. mit vier Golden Globes ausgezeichnet.

Nun hat sie mit Alle außer Alice, wie ich finde, eine weitere Schippe draufgelegt. Mit großartiger Beobachtungsgabe, klugem Humor, gepaart mit cleveren und lebendigen Dialogen und exzellent gezeichneten Charakteren, hat sie einen durchweg mitreißenden Roman geschrieben.

Liane Moriarty macht das wirklich sehr geschickt, wie sie mit den Tagebucheinträgen von Alices Schwester Elisabeth und dem Blog der Großmutter (ehrenhalber, da nicht verwandt) noch ein paar „wissende“ Perspektiven in die Schilderungen aus Alices Perspektive und Gedanken einfügt. Köstlich wird es immer dann, wenn die ahnungslose Alice mit den aktuellen „Neuigkeiten“ aus ihrem Leben konfrontiert wird. Barb, Alices Mutter, macht dabei eine besonders tragisch-komische Figur, da sie so gar nicht verstehen kann, dass ihre Tochter sich wirklich an gar nichts aus den letzten zehn Jahren erinnert - zum Leidwesen von Elisabeth, die scheinbar als einzige die ganze Tragweite dieser Tragödie zu sehen scheint …

Moriarty überrascht uns - und auch Alice - mit so unerwarteten Wendungen, dass der Roman nie langatmig wird, denn schon hinter der nächsten Ecke lauert das nächste Desaster - und damit der nächste „Aha-Moment“. Diese großen und kleinen Überraschungsbomben lassen uns mitfiebern und mit Alice versuchen, die einzelnen Teile wieder zu einem logischen Ganzen zusammenzufügen - was nicht immer einfach ist, denn Alice neigt dazu, den einen oder anderen Erinnerungsfetzen vollkommen falsch zuzuordnen.  

Diesem kapriziösen Feuerwerk an Überraschungen ist es auch geschuldet, dass ich hier nicht zu viel verraten möchte. Aber: Sie sind oft zum Brüllen komisch, extrem gut ausgeführt und zugleich anrührend, denn es gibt noch eine andere Ebene, die zeigt, wie anders Alice vieles mit ihrem Ich von vor zehn Jahren betrachtet.

Scheinbar ganz entspannt und locker spinnt Moriarty ein weites Netz von Ereignissen, Rückblenden, Begegnungen; doch das hat es wirklich in sich

Wie so typisch für die Moriarty-Romane ist hinter dem Humor und der zum Teil auch bissigen Darstellung eine Botschaft enthalten.

Wenn man das Leben miteinander, als Paar, vernachlässigt, kann man nicht einfach zurückkommen und da weitermachen, wo man aufgehört hat. Die Menschen entwickeln sich weiter, die Lebensumstände mit ihnen; dies ist Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte. Nick hat im Laufe der Jahre ein Vakuum hinterlassen, das jemand anderes gefüllt und damit auch das Wesen von Alice verändert hat. Alice, die glaubte, nur durch Nick eine Bedeutung zu haben, hat gelernt, dass auch sie Jemand ist und durchaus etwas bewegen kann. Sie hat in den zehn Jahren gelernt, auch alleine großartig zu sein.

Eingebettet im „Heile-Welt-Kosmos“ eines Vororts von Sydney hat es einen besonderen Reiz, dieses Milieu zu beobachten; die Sonne scheint, es gibt Ausflüge an den Strand, entspannte Nachmittage am Pool, die Champagnerkorken knallen … Wir werden entführt in die Welt der Schönen und Reichen, die jede Menge Zeit haben, sich in die schulischen Aktivitäten ihrer Kinder einzumischen - und in das Leben der Anderen. Ein reizvolles Setting, doch Liane Moriarty belässt es nicht bei dieser Hochglanz-Welt: Die vielen schrecklich perfekten Mütter, die Missgunst und der Tratsch unter der ach so perfekten Oberfläche geben dieser Welt unschöne Risse - und genau diese machen es so spannend und lassen kaum eine oberflächliche Interpretation zu.

Fazit

Von der ersten Seite an war ich ganz und gar davon gefesselt, wie es mit Alice weitergeht und wie die einzelnen Teile, wie bei einem Puzzle, zu einem großen Ganzen werden. Liane Moriarty beschreibt die vielen kuriosen Situationen so treffend, so humor- wie gefühlvoll, dass das Buch einen augenblicklichen Sog ausübt. Für mich eines der besten Bücher des Jahres!

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