Die Enkelin

Erschienen: Oktober 2021

Bibliographische Angaben

- Leinen-Einband, 368 Seiten

Couch-Wertung:

80
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Carola Krauße-Reim
Porträt eines Trauernden

Rezension von Carola Krauße-Reim Dez 2021

Bernhard Schlink ist Jurist und in seinem „zweiten Leben“ ab 1987 auch Schriftsteller. Er veröffentlichte zahlreiche vielbeachtete Romane, unter denen Der Vorleser und Die Frau auf der Treppe wohl die bekanntesten sind. Immer wieder greift Schlink gesellschaftliche Themen auf, wobei vor allem die Zeit des Nationalsozialismus ein prominentes Hintergrundthema ist.

Birgit hat ein Geheimnis

Birgit flieht 1965 aus der DDR in den Westen zu Kaspar. Die beiden heiraten und gründen in Berlin eine Buchhandlung. Jetzt ist Birgit tot, und Kaspar entdeckt, dass sie ein gut gehütetes Geheimnis hatte, welches ihn zu Sigrun bringt, dem Mädchen, für das er zum Großvater wird und das er gerne als seine Enkelin ansehen würde.

Schuld – Leid – eigene Überzeugungen

Kaspar wusste schon lange, dass Birgit entwurzelt war: Sie probierte sich in mehreren Berufen aus, wurde depressiv und Alkoholikerin. Und er fühlt sich dafür schuldig - wegen ihm verließ sie ihr gewohntes Umfeld, ihre Familie und Freunde. Er umsorgt sie, verzeiht alles, auch ihr Geheimnis, das sie seit ihrem Kennenlernen mit sich herumträgt. Er leidet entsetzlich nach ihrem Tod, sieht dieses Leid aber auch als Schuldenerlass. Als er Sigrun kennenlernt, will er alles an Birgit wieder gutmachen - doch das ist nicht so einfach, denn Sigrun wächst in einer völkischen Gemeinschaft auf, die Rudolf Hess verehrt, den Holocaust leugnet und alles Fremde ablehnt. Kaspar vergräbt seine eigenen Überzeugungen, lässt sich für den Kontakt mit Sigrun erpressen und schafft es nur sehr selten, seine Kritik zu zeigen - und selbst dann kommt sie immer nur subtil, ohne direkte Konfrontation. In dieser Konstellation bedarf es ausgefeilter Charaktere, die die Diskrepanz im Denken und auch Handeln manifestieren und demonstrieren. Doch Schlinks Figuren fallen hier sehr pauschal und eindimensional aus, scheinen nur dem Zweck zu dienen, ohne Nuancen in ihrem Charakter. Lediglich Sigrun macht eine Entwicklung durch, die allerdings kaum auf Kaspar zurückgeht und für den Leser nicht offensichtlich nachzuvollziehen ist.

Eine aktuelle Geschichte mit Moral

Schlink hätte wesentlich mehr aus dem Thema machen können. Sein Stil ist, wie immer ausdrucksstark, aber dieses Mal auch subtil belehrend, gerade wenn Bildungsbürgertum auf völkische Nationale trifft. Was in der Gegenwart als tragische Geschichte einer Ehe beginnt, wendet sich der Vergangenheit zu, um dann in einem Ausblick auf die Zukunft zu enden. Es weitet sich zu einer Frage nach Authentizität, Ideologie und Schuld aus. Das Thema ist so und in Abwandlungen aktuell, fordert aber beim Lesen, sodass die Bindung an die Geschichte schwerfällt. Die Eindimensionalität der durchweg unsympathischen Charaktere, die sich auch in ihrem Handeln zeigt, ist ermüdend, und die vermittelte Moral lässt sich hinterfragen. Denn ob es wirklich sinnvoll ist, eine Konfrontation zu scheuen, die eigenen Überzeugungen nur sehr subtil zu vertreten, bloß um die Andersdenkenden nicht zu brüskieren - das lässt durchaus Diskussionen zu.

Fazit

Wie immer wortgewaltig und ausdrucksstark erzählt Schlink eine Geschichte von Liebe, Leid und Schuld. Doch schwache, unsympathische Figuren und deren eindimensionales Handeln machen den Roman wenig fesselnd. Und der zögerliche Umgang mit der völkischen Gemeinschaft ist moralisch fraglich, regt dadurch allerdings auch zur Reflektion und Diskussion an.

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