Ziemlich tote Dinge

  • Ecco
  • Erschienen: September 2021

- OT: Mostly Dead Things

- aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit

- HC, 416 Seiten

Ziemlich tote Dinge
Ziemlich tote Dinge
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Yannic Niehr
80

Belletristik-Couch Rezension vonOkt 2021

Seelenstriptease beim Fellabziehen

Eine Familie, wie sie im Bilderbuche steht – die Mortons sind alles, nur nicht das. Jessa, wie ihr Vater der Taxidermie verschrieben, ist verschlossen und beziehungsunfähig; ihr Bruder Milo das genaue Gegenteil, zu sensibel für diese Welt, mal hier, mal dort, ist nicht imstande, einen Job zu halten oder für sich und seine Kinder ein zuverlässiges, stabiles Leben zu führen; Milos Tochter Lolee pubertiert wild vor sich hin, während Sohn Bastien anfängt, für das Familiengeschäft lebende Tiere zu Tode zu hetzen und ihre Kadaver anzuschleppen. Dann begeht der Patriarch plötzlich und unverhofft Selbstmord – und das macht die Sache nicht besser: Jessa, die seine Leidenschaft für die Tierpräparation (und seine emotionale Distanziertheit) teilte, muss den Laden von nun an alleine stemmen; Milo, den sein Vater zu Lebzeiten nie wirklich verstanden oder gemocht hatte, gibt sich gewohnt einfühlsam – womit er seine Schwester nur noch mehr in den Wahnsinn treibt.

Als wäre die Frage nach dem Warum nicht bereits genug, wird noch mehr Staub durch die seltsame Trauerverarbeitung der Mutter aufgewirbelt: Von jetzt auf gleich beginnt sie, die ausgestopften Tiere in äußerst zweideutigen Posen zu grotesken Kunstobjekten zu gestalten. Das geht Jessa gehörig gegen den Strich, und die Gräben des Schweigens vertiefen sich. So kommen Erinnerungen wieder hoch – nicht nur an den Vater, sondern auch an Brynn. Brynn war Jessas Highschool-Liebe, sehnte sich jedoch nach einem möglichst gewöhnlichen Leben, heiratete schließlich Milo und wurde Mutter seiner Kinder – bevor sie eines Tages von jetzt auf gleich alles hinter sich ließ und verschwand. Die dramatische Beziehungskonstellation wirft bis heute ihren Schatten (nicht zuletzt auch in Gestalt von Bastien und Lolee) und steht noch immer zwischen den Geschwistern.

Kuratorin Lucinda Rex wird auf die „Arbeiten“ von Jessas Mutter aufmerksam und plant eine Ausstellung. Jessa lässt sich auf eine gefährliche Affäre mit ihr ein – mit ungeahnten Konsequenzen. Mehr und mehr wird klar: Wenn in dieser Familie noch irgendetwas zu kitten sein soll, dann muss etwas geschehen – und zwar bald …

„Nähe verlangt, dass man einiges von sich für den anderen aufgibt, auch wenn das heißt, dass man sehr verletzlich wird. Aber manchmal lassen wir das zu, weil Schmerz sich auch gut anfühlen kann“

Autorin Kristen Arnett veröffentlichte bereits Erzählungen in diversen Magazinen und erhielt 2017 einen Coil Book Award. Mit Ziemlich tote Dinge legt sie ihren Debutroman vor, eine tragikomische, schmerzhafte Familienchronik, in die spürbar viel Herzblut geflossen ist.

Entsprechend des Tätigkeitsfeldes der Morton-Familie schreibt Arnett in einem Stil, der das Unschöne nicht scheut, sondern plastisch und dreckig schildert. Das verleiht der Geschichte nicht nur viel Authentizität, sondern es spiegelt auch wieder, wie kaputt diese Familiendynamik ist. Im Laufe der Handlung werden immer mehr hässliche Wahrheiten an die Oberfläche geschwemmt, was beim Lesen oft beinahe schon wehtut – letztendlich aber immerhin einen Heilungsprozess in Gang zu setzen scheint, wie das bittersüße Ende nahelegt. Dazwischen blitzen auch immer wieder wundervolle Momente auf, die mit derselben zärtlichen Detailverliebtheit beschrieben sind. Raffiniert durchsetzt Arnett das alles mit augenzwinkerndem, morbiden Humor.

„Ich fragte mich oft, warum wir nicht über unsere Gegenwart sprechen konnten, warum die Vergangenheit alle Verheißungen enthielt, während die Zukunft wie ein stehendes Gewässer vor uns lag“

Schwierig ist es zu Beginn, mit der unnahbaren Jessa warmzuwerden, aus deren Perspektive das Buch erzählt wird. Dabei wechselt sich je ein Kapitel der aktuellen Handlung mit einem Kapitel ab, welches eine von Jessas Erinnerungen ins Zentrum rückt. Es hätte interessant sein können, auch die Sichtweisen der anderen Figuren narrativ miteinzubeziehen, um das Mosaik zu vervollständigen. Auch so ergibt sich allerdings am Ende ein runder Gesamteindruck, wenngleich der Roman etwas braucht, um in die Gänge zu kommen. Die Weigerung, sich emotionaler Narben anzunehmen, anstatt sie zu ignorieren, und die Unfähigkeit, loszulassen, sind zentrale Themen, um die das Buch kreist. Dreh- und Angelpunkt für diese roten Fäden sind sowohl die Figur des Vaters, als auch Brynne – beide wirken nach, obwohl sie bereits vor Einsetzen der Handlung von der Bildfläche verschwunden sind, beide sind für Milo und besonders für Jessa wunde Punkte. Erst eine konfrontative Auseinandersetzung mit dem zu entwirrenden Gefühlschaos, das sie bedeuten, kann die Kommunikation innerhalb der Familie wieder in Fluss bringen.

Fazit

Unter der schroffen, gelegentlich abstoßenden Oberfläche von Ziemlich tote Dinge verbirgt sich viel Herzenswärme und Intelligenz. Mit ihrem Romandebut hat Kristen Arnett eine sehr eigenwillige, aber auch sehr lesenswerte Familiengeschichte geschaffen.

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