Unruhe

  • btb
  • Erschienen: September 2021

- übersetzt von Gerhard Meier

- TB, 176 Seiten

Unruhe
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Carola Krauße-Reim
80

Belletristik-Couch Rezension von Carola Krauße-Reim Nov 2021

Belletristische Aufarbeitung einer grausamen Realität

Zülfü Livaneli ist einer der bekanntesten Autoren der Türkei. Neben seinen zahlreichen Romanen schreibt er auch Lieder und arbeitet als Regisseur und Sänger. Unruhe wurde bereits 2018 als Hardcover in Deutschland veröffentlicht; jetzt liegt die Taschenbuchausgabe vor.

Ibrahim kommt zurück nach Mardin

Der in Istanbul lebende Journalist Ibrahim kehrt zurück in seine Heimatstadt Mardin an der türkisch-syrischen Grenze. Er will mehr über das Leben seines Jugendfreundes Hüseyin erfahren, der in den USA ermordet wurde. Dort hört er die Geschichte einer jungen Jesidin, die eng mit dem Schicksal Hüseyins verbunden ist. Ibrahim taucht ein in eine Welt aus alten Geschichten, aktueller Gewalt und der Frage nach dem eigenen Lebenssinn.

Das Schicksal der Jesidinnen steht im Mittelpunkt

Meleknaz befindet sich im Zentrum dieses Romans. Erst erfahren wir nur, dass Hüseyin sie und ihr blindes Kind aus einem Flüchtlingscamp geholt hat und sie heiraten wollte. Doch Meleknaz ist nach Hüseyins Abreise in die USA verschwunden und geistert somit nur noch wie ein Schatten durch die Geschichte. Erst durch ihre Freundin Zilan wird ihr grausames Schicksal und das vieler Jesidinnen greifbar: Syrien versinkt im Bürgerkrieg, der IS will die Glaubensgemeinschaft der Jesiden ausrotten, Jungen und Männer werden getötet, die Frauen versklavt. Wer kann, flieht in das Sindschar-Gebirge und in die Türkei - so auch Zilan und Meleknaz nach einem lange durchlittenen Martyrium. Zilan schildert die täglichen Grausamkeiten, Hunger, Durst, die anstrengende Flucht in das Gebirge, die Abgestumpftheit bis hin zur völligen Aufgabe so eindringlich, dass Ibrahim nur noch einen Gedanken hat: Er muss Meleknaz finden. Diese Suche wird zur Manie, die erst Unruhe in sein Leben bringt und dann in Harese, der blutigen Selbstzerstörung, endet.

Zerissenheit und Unruhe überall

Livaneli zeigt durch Ibrahim die Lage der Türkei in unserer heutigen Zeit: ein Land mit verschiedenen Kulturen und Religionen. Der frei denkende Journalist lebt in Istanbul - einer immer noch westlich orientierten Stadt - ein Leben ohne den Einfluss jeglicher Religion oder gesellschaftlicher Einschränkungen. Doch Mesopotamien ist weit weg von Istanbul. In Mardin herrscht die Diktatur der Religion, und das nicht nur in den durch den IS beherrschten Vierteln. Der fundamental praktizierte Islam ist durchsetzt von Aberglauben, der die Menschen zu absurden Handlungen zwingt; das Leben wird durch gesellschaftliche Grenzen und fest verankerte Traditionen und Werte eingeengt und bestimmt, jede Abweichung bringt Unruhe und Zerrissenheit. Zuerst glorifiziert Ibrahim diese angestammte Lebensweise, sieht in ihr eine alte orientalische Welt, die als eine Art Anker für die Menschen fungiert; doch bald erlebt er die Zerrissenheit zwischen archaischer und westlicher Art zu leben an sich selbst und ist schnell genauso unruhig wie die Gesellschaft und der türkische Staat, der ebenso wie die Nachbarländer in Harese verfällt, indem sich Religionen und Stämme bis auf das Blut bekämpfen, ohne in der vereinten Gemeinsamkeit eine starke Kraft zu sehen.

Abgeklärt distanziert und dennoch emotional

Der Autor bedient sich dem fiktiven Schicksal der beiden Frauen, um auf die wenig beachtete lebensbedrohliche Lage der Jesiden aufmerksam zu machen. Dabei läuft er Gefahr, die Schilderungen zu polemisch zu gestalten und ins Triviale abzurutschen. Doch die kurzen Kapitel, in denen Ibrahim immer wieder neue Erkenntnisse zum jesidischen Glauben oder zur Person Meleknaz erhält, verbinden gekonnt Fiktion und Realität. Durch die Suche nach Meleknaz taucht Ibrahim - und mit ihm der Leser - immer tiefer in den Glauben der Jesiden ein, der geprägt ist vom Melek Taus, dem Engel Pfau, in dem Salat die Sünde trägt und der Sonnentempel ein heiliger Ort ist. Nachdem man sich so der Jesidischen Religion angenähert hat, wendet sich Livaneli dem grausamen Schicksal dieser Glaubensgemeinschaft zu. Abgeklärt lässt er Zilan ihre Geschichte erzählen. Durch diese distanzierte, fast schon brutal emotionslose Schilderung wahrt der Autor eine Art Sachlichkeit, die Polemik und Trivialität verhindert und dennoch Empathie beim Leser auslöst. Lediglich Ibrahims persönliche Harese tendiert zur Pauschalisierung und wirkt wenig glaubhaft. Doch durch sie wiederum wird die Stärke der unterdrückten Frau Meleknaz überdeutlich hervorgehoben.

Fazit

Ein Roman, der aufklärt und emotional fordert. Zülfü Livaneli bringt dem Leser in einer parabelhaft anmutende Geschichte das Schicksal der Jesiden nahe, ohne dabei polemisch zu werden oder ins Triviale abzugleiten. Eine oft brutale, manchmal kräftezehrende belletristische Bestandsaufnahme einer von der Welt fast nicht registrierten Katastrophe.

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