Hitze

  • Atlantik
  • Erschienen: August 2021

- übersetzt von Sophie Zeitz

- HC, 256 Seiten

Hitze
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Lena Bräuer
90

Belletristik-Couch Rezension von Lena Bräuer Feb 2022

Weit mehr als eine Dreiecksgeschichte

Edie ist eine junge schwarze Amerikanerin, die in einem winzigen WG-Zimmer in Brooklyn lebt und versucht, sich nach ihrem abgebrochenen Kunststudium und angehäuften Studienschulden mit einem Assistenzjob als Lektorin über Wasser zu halten. Eigentlich will Edie Künstlerin werden, empfindet das eigene Talent jedoch nicht als gut genug, um erfolgreich sein zu können. Ihr gestörtes Selbstbildnis ist ein zentraler Teil des Romans und treibt viele ihrer Entscheidungen voran.

Edie flüchtet sich in lockere Sexgeschichten, bis sie eine Affäre mit Eric beginnt. Eric ist weiß, lebt in einer offenen Beziehung und ist fast doppelt so alt wie sie. Doch wer in diesem Buch eine reine Liebesgeschichte erwartet, unterschätzt die Autorin. Raven Leilani hat größere Ambitionen als nur eine Dreiecksgeschichte zu erzählen. Von einem Moment auf den anderen verändert sich Edies Leben drastisch. Sie verliert ihren Job und ihre Wohnung und wird durch eine Wendung des Schicksals von Erics Frau Rebecca in das Haus der Familie eingeladen.

Schein und Sein

Rebeccas Akt der Nächstenliebe scheint selbstlos, ist aber geprägt von dem Wunsch, die Liebschaft des eigenen Mannes zu kontrollieren und der Hoffnung, eine Bezugsperson für ihre schwarze Adoptivtochter Akila zu finden. Edie erlebt das Leben der weißen amerikanischen Oberschicht. Sie kümmert sich um die Tochter, den Haushalt, schläft weiterhin mit Eric und baut eine psychologisch interessante Verbindung zu Rebecca auf. Sie beginnt sogar wieder zu zeichnen, doch trotz aller Versuche sich in die Familie zu integrieren, bleibt sie eine Zuschauerin. Das Leben, das ihr vorgezeigt wird, bleibt ihr verwehrt. Edie scheint es unmöglich, sich selbst sowohl künstlerisch als auch menschlich in dem Versprechen des amerikanischen Traums wiederzufinden.

Eine Affäre als Gesellschaftskritik

Der Roman und seine Sprache sind modern. Die Stimme der Protagonistin kann manchmal fast entrückt wirken, kalt und distanziert. Edies Humor kann belustigen und schockieren. Doch ihre Gedanken wirken authentisch gerade, weil sie polarisieren. Edie ist komplex, eine Fundgrube psychischer Probleme und enormer Selbstzweifel. Die Figuren des Romans lassen Raum zur Interpretation. Eine Reflektion von gesellschaftlichen Problemen und Dynamiken, die sich in der Figurenkonstellation wiederfinden lässt.

Die Sozialanalyse wird durch die Differenzen und Unterschiede der Charaktere in den Vordergrund gerückt, und die eigentliche Liebesaffäre wird lediglich Mittel zum Zweck.

Damit schafft es das Buch, jegliche Klischees zu umgehen, die eine derartige Erzählung mit sich bringen könnte. Es geht hier weniger um Sex oder Liebe als um Fragen von Identität, Klasse und einem kritischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft und dem heuchlerischen Versprechen von Erfolg und Wohlstand für alle die, die hart dafür arbeiten. Eine Sozialanalyse, die durch eine direkte und authentische Sprache wiedergegeben wird.

Fazit

In einer modernen Sprache gibt die Autorin Raven Leilani einen kritischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft frei. Dabei schafft sie es, mit der Erwartungshaltung der Leser*innen zu spielen und Klischees zu widersprechen. Ein spannendes und überraschendes Buch.

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