Eine redliche Lüge

  • Berlin
  • Erschienen: September 2021

- HC, 240 Seiten

Eine redliche Lüge
Eine redliche Lüge
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Sandra Dickhaus
80

Belletristik-Couch Rezension von Sandra Dickhaus Mär 2022

Der plötzliche Zusammenbruch einer Fassade und eine alles entscheidende Lüge

Elise ist 24 Jahre alt und hat ihr Studium der Literaturwissenschaft erfolgreich abgeschlossen. Nun möchte sie den Sommer über noch etwas Anderes erleben, bevor sie der Ernst des Lebens nicht mehr loslässt. So arbeitet sie vier Monate lang bei dem beliebten Paar Margaux und Philippe als Hausdame, die beiden nehmen sie mit in ihr Ferienhaus in die Normandie.

Dort werden die Feste gefeiert, wie sie fallen. Das Paar liebt es, dem Anlass angepasste Abendessen zu organisieren und die unterschiedlichsten Menschen einzuladen. Elise fungiert als stille Beobachterin und kümmert sich im Hintergrund um das Wohl der Gäste. Dabei bekommt sie alle Gespräche und Ereignisse mit -bis ein alles entscheidender Abend das gesamte Gebilde einzureißen scheint, denn eine Lüge bahnt sich ihren Weg in die Realität und überfällt die Anwesenden.

Eine unterschwellige Spannung inmitten geselliger Abende

Elise schildert in Rückblenden von ihrem Sommer als junge Erwachsene und in jeder Zeile wird deutlich, wie sehr sie das Paar, aber besonders Margaux, vergöttert. Sie lässt uns eintauchen in eine Idylle, die aber von Anfang an doch irgendwie zu perfekt scheint, um wahr zu sein. Man rechnet doch immer mit einem Patzer, aber wie dieser aussehen soll, weiß man nicht. Genau das macht einen großen Teil der unterschwelligen Spannung aus, die sich über den gesamten Teil des Plots halten kann.

Dabei wechseln sich humorig-unterhaltsame mit lächerlich- angeberischen und ernsten Momenten ab. Elise bekommt vor allem während der legendären Abendessen, an denen die Gespräche stattfinden, teils sich ins Abstruse entwickelnde Situationen mit. Es wird deutlich, wie sich der wachsende Alkoholkonsum auf so manchen Gast niederschlägt - und der ein oder andere lässt seine imaginären Hüllen fallen.

Diskutierte Themen gehen in die Tiefe

Bei diesen geselligen Abenden wechselt die Zeitform ins Präsens und auch das Schriftbild ändert sich, um die Wichtigkeit und Aktualität hervorzuheben. Es werden die unterschiedlichsten Themen angesprochen, so geht es von Literatur über den Klimawandel zu aktuellen politischen Ereignissen, aber auch intimere Aspekte nehmen einen nicht geringen Raum ein, denn Untreue, Liebe und Beziehungen werden diskutiert.

Das Ganze wirkt trotz der Ernsthaftigkeit der Inhalte wie eine Farce. Die geladenen Gäste spielen Margaux und Philippe, die ihre Rolle auch perfekt beherrschen, ihre selbst gewählte Rolle vor. Man kommt sich vor wie ein Zuschauer im Theater und beobachtet, wie sich die Menschen, egal welcher Gesellschaftsschicht oder Herkunft, vor dem Paar profiliert, um Anerkennung zu erheischen. Doch irgendwann erschleicht einen als Beobachter das Gefühl, dass etwas faul an der ganzen Sache ist. Die Gastgeber dagegen scheinen kein Wässerchen zu trüben. Sind sie wirklich das Vorzeigepaar und lieben sich seit vielen Jahren immer noch wie am ersten Tag? Zumindest möchte uns Elise dies glauben machen.

Elise analysiert mit genauem Blick und Intelligenz die einzelnen Gäste

Elisa ist nicht nur eine stille Anwesende, sie analysiert mit genauem Blick und Intelligenz die einzelnen Gäste, registriert ihr Verhalten, lauscht ihren teils hochgebildeten Vorträgen, aber anfangs lässt auch sie sich blenden. Aber nicht, weil sie zu dumm ist, um das Ganze zu durchschauen, sondern weil sie es zunächst nicht will. Sie klammert sich an die Vorstellung, dass es sowas wie ein Paradies auf Erden gibt, den perfekten Ort mit perfekten Menschen. Im Nachhinein wird sie dann eines Besseren belehrt.

Fazit

Ein geschickt konstruierter Gesellschaftsroman, der mit dem kindlichen Glauben an eine irgendwo existierende Idylle spielt - genau in der Normandie, in einem Ferienhaus des Vorzeigepaars Margaux und Philippe soll sie zu finden sein. Ein Plot voller humoriger, unterhaltsamer Momente.

Eine redliche Lüge

Husch Josten, Berlin

Eine redliche Lüge

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