Wie ein Atemzug

Erschienen: September 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Come un respiro

- aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann

- HC, 256 Seiten

Couch-Wertung:

83
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Monika Wenger
Eine Reise in die Heimat nach fünfzig Jahren - verbunden mit der Hoffnung, die Schwes-ter noch einmal zu sehen

Buch-Rezension von Monika Wenger Okt 2021

Vor fünfzig Jahren ist Elsa überstürzt aus Italien geflohen. Ihr Weg führte sie nach Istanbul. Dort hat sie sich ein neues Leben und eine neue Existenz aufgebaut - unabhängig und selbstbestimmt. Jetzt ist sie über siebzig Jahre alt, und die Erinnerungen und die Sehnsucht nach ihrer Schwester werden übermächtig. Sie beschließt, nach Rom zurückzukehren und ihre Schwester Adele, mit der sie sich vor so vielen Jahren entzweit hat, zu treffen. Doch die Wohnung in Rom, wo sie und Adele gelebt haben, gehört nun einem jungen Ehepaar, das sich eben zum sonntäglichen Mittagessen mit Freunden an den Tisch setzen will …

«Es muss doch schrecklich sein, nach fünfzig Jahren […] in die eigene Wohnung zurückzukehren und alles verändert vorzufinden. Zu sehen, dass nun zwei Fremde darin leben und von den Menschen, die ihr teuer waren, nicht die geringste Spur geblieben ist.»

Die neuen Eigentümer der Wohnung, Giovanna und Sergio, zögern nicht und bitten Elsa zu sich an den Tisch; zumal es scheint, als ob die Nachrichten und die veränderte Situation Elsa etwas zugesetzt haben. Elsa bittet die beiden, da sie im Besitz der neuen Adresse sind, Adele anzurufen und sie nach Rom zu bestellen. In der Zwischenzeit haben sich die Freunde von Giovanna und Sergio eingefunden, und die jungen Leute bitten Elsa, dass sie doch aus ihrem Leben erzählen möge. Elsa kommt dieser Aufforderung gerne nach, und so erfahren sie, wie sich die beiden Schwestern vor fünfzig Jahren in denselben Mann verliebt haben und Elsa dann Italien überstürzt verlassen und sich in Istanbul niedergelassen hat.

«Ich habe viel Freude erfahren, aber auch viel Leid, doch stets wiegt der letzte Schmerz am schwersten.»

Ferzan Özpetek erzählt die Geschichte der beiden Schwestern auf eine außergewöhnliche Art und Weise: Elsa lässt er mittels Briefe an ihre Schwester von der Vergangenheit und ihren Jahren in Istanbul erzählen. Den Wegen Elsas in Istanbul zu folgen, ist wie ein Stadtrundgang und ein Fest für die Sinne. Ihre Berichte über die Anlässe, an denen sie dank eines Bekannten teilnehmen kann, gewähren einen Einblick in das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Stadt. Das ist einnehmend und betörend.

Was genau geschehen ist und weshalb sich die einst so eng verbundenen Schwestern entzweit haben, das erzählt Adele gegen Ende des Romans auf ihre eigene Weise. Und dieser Schluss ist überraschend.

Die verschiedenen Erzählstile, die Ferzan Özpetek verwendet – mal die Briefform, mal betrachtend, und mal als direkte Beteiligte – halten die Spannung über die ganze Lektüre hoch und machen sie abwechslungsreich und packend.

Fazit

Ferzan Özpetek lässt abwechselnd Elsa als Briefschreiberin und einen Betrachter der Szene in der Wohnung in Rom zu Wort kommen. Erst gegen Ende übernimmt dann Adele das Erzählen und füllt den Raum. Das hinterlässt einen ganz eigenen Zauber, der sich auch im sprachlichen Ausdruck widerspiegelt. Das Resultat ist eine packende, geschickt aufgebaute Geschichte, die die vielen Facetten einer Beziehung außergewöhnlich zu beleuchten vermag.

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