Amalientöchter

Erschienen: August 2019

Bibliographische Angaben

- TB, 400 Seiten

Couch-Wertung:

80
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Kirsten Kohlbrei
Frauenfreiheit in der Weimarer Republik

Buch-Rezension von Kirsten Kohlbrei Jul 2021

Dezember 1918: Der Krieg ist vorbei und in Weimar wartet die neunzehnjährige Klara Heidenreich sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer großen Liebe – und darauf, dass dann ihre Verbindung endlich beschlossene Sache wird. Doch Fritz Faber, Arzt aus Überzeugung, hält nichts in Weimar. In Berlin wurde gerade die Republik ausgerufen, die Menschen gehen für ihre Überzeugungen auf die Straßen, dort will er nützlich sein und im Lazarett arbeiten. Klara, ebenso fasziniert von den politischen Veränderungen - insbesondere von dem eingeführten Wahlrecht für Frauen -, geht es um Fritz und nicht um die Ehe. Kurzentschlossen folgt sie ihm nach Berlin, wo sie bei einem Onkel unterkommen.

Republikhauptstadt Berlin zwischen Aufbruch und Aufruhr

Die pulsierende Großstadt empfängt Klara in euphorischer Aufbruchsstimmung. Nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren ist sie voller unbändiger Lebenslust und taucht ein in eine unbekannte Welt ohne bürgerliche Konventionen. Rocksaum und Lockenpracht fallen, und mit der quirligen Kiki, der Freundin ihres Vermieters, stürzt sie sich ins Berliner Nachtleben. Die ehemalige Frau des Onkels bietet ihr die Mitarbeit in ihrer Zeitung an, ein Blatt eigens für Frauen, sodass Klara dank ihrer Leidenschaft fürs Schreiben auf eigenen Füßen stehen kann. Mit Fritz zusammen verfolgt sie unmittelbar das politische Geschehen. Bei einer großen Demonstration der Sozialisten gegen die Ebert-Regierung sind sie hautnah dabei, als Karl Liebkecht und Rosa Luxemburg zur Menge sprechen. Doch dann kommt es zu Ausschreitungen, bei denen Geiseln genommen werden, darunter Kiki. Die Freundin taucht nicht wieder auf - auch als der Aufruhr nach einigen Tagen blutig beendet wird - und bleibt von Klara grenzenlos vermisst. Angesichts der unsicheren Lage in der Hauptstadt beschließt Fritz die Rückkehr nach Weimar und wird Klara unerträglich fremd, da er sich scheinbar ganz verändert zeigt und sein politisches und soziales Engagement plötzlich gegen die Vorstellung einer eigenen Arztpraxis tauscht. Umso mehr verwirrt es sie, welche Emotionen Max Babinski, ein Künstler aus Fritz‘ Bekanntenkreis, bei ihr auslöst.

Weichenstellng in Weimar

Einzig die Aussicht, dass sie im beschaulichen Weimar als ausgewähltem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung der neuen Republik direkt vor Ort Informationen für ihre Zeitschrift sammeln kann, macht Klara die Rückkehr erträglich. Während Fritz die gemeinsame Zukunft plant, verfolgt sie aufgeregt die Sitzungen erstmals mit Frauen unter den Abgeordneten.

Zu ihrer Überraschung nimmt auch Max aus Berlin als Zeitungszeichner daran teil, und ihr Aufeinandertreffen lässt Klara an einem Leben als Arztfrau an Fritz‘ Seite zweifeln.

Als dann einer ihrer Zeitschriftenbeiträge in einer Parlamentsrede angeführt wird und heftige Reaktionen hervorruft, sieht sie sich zudem mitten in einer kontroversen Debatte um einen wichtigen frauenrechtlichen Gesetzesentwurf involviert. Und so muss Klara handeln und richtige Entscheidungen treffen, damit von Weimar ein politischer Impuls ausgeht und sie ihr ganz persönliches Lebensglück findet …

Historisch korrekt und leichtfüßig erzählt

Joan Wengs Erzählung führt zurück in die Anfangstage der Weimarer Republik und lenkt das Augenmerk auf die politische Emanzipation der Frau, die sich in diesem Zeitraum bewahrheitet.

Dabei ergänzt sie das politische Geschehen auf großer Bühne stimmig mit der ganz persönlichen Geschichte ihrer Protagonistin, die sich aus der Enge ihrer bürgerlichen Herkunft löst, um ein selbstbestimmtes Leben ohne gesellschaftliche Zwänge zu führen. Weng macht Klaras Freiheitsdrang sehr schön nachvollziehbar. Mit ihrem Herzenswusch des Reisens bewegt sie sich ganz in der Tradition der Großherzogin Anna Amalie, wird zur „Amalientochter“.

Ihre Rolle als Frau definiert sie für sich, losgelöst von herkömmlichen Erwartungshaltungen. Mit ihrer Vorstellung von einer gleichberechtigten, aus Liebe geknüpften Beziehung und weiblicher Berufstätigkeit grenzt sie sich auch von ihren Freundinnen ab, die ihre Zukunft standesgemäß doch eher als Ehefrau und Mutter sehen. Die gleiche Sorgfalt, mit der die Autorin ihrer Hauptfigur Kontur verleiht, kommt auch den Nebencharakteren mit ihren Einzelschicksalen und der Beschreibung des Settings zugute. Joan Weng ist dieser Epoche verschrieben, und so gelingt es ihr detailreich und authentisch, die noch von den Folgen des Krieges geprägte, hoffnungsvolle Stimmung des Neubeginns abzubilden. Unterstützend dabei ist ein am Schluss des Buches angefügtes Glossar und das Nachwort, in dem Weng Fakten und Fiktion in Relation stellt.

Fazit

Amalientöchter ist ein geschichtlicher Roman, wie man ihn sich wünscht. Eingebettet in das Gründungsgeschehen der Weimarer Republik, schildert Joan Weng empathisch und lebendig den individuellen Emanzipationsprozess ihrer mutigen und willensstarken Protagonistin. Hier trifft der

historische Moment auf kluge Unterhaltung.

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