Im letzten Licht des Herbstes

  • Heyne
  • Erschienen: August 2021

- OT: A Town Called Solace

- aus dem Englischen von Sabine Lohmann

- HC, 352 Seiten

Im letzten Licht des Herbstes
Im letzten Licht des Herbstes
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Carola Krauße-Reim
90

Belletristik-Couch Rezension vonOkt 2021

Warmherzige Schilderung von menschlichem Miteinander

Mary Lawson ist in Ontario, Kanada aufgewachsen, lebt aber seit vielen Jahren in England. Schon ihr Romandebüt Rückkehr nach Crow Lake (2002) wurde ein internationaler Bestseller. 2006 wurde sie für den Booker-Prize nominiert, und auch ihr neuer Roman Im letzten Licht des Herbstes hat es auf die Longlist dieses wichtigen Buchpreises in Großbritannien geschafft.

Clara vermisst ihre Schwester

Die 7-jährige Clara vermisst ihre ältere Schwester Rose schmerzlich. Die ist seit  Tagen spurlos verschwunden, und obwohl alle Bewohner der kleinen Stadt Solace sie suchen, fehlt jede Spur von ihr. Und Clara vermisst ihre Nachbarin Mrs. Orchard; die alte Dame musste ins Krankenhaus und hat deshalb ihren Kater Moses Clara anvertraut. Als plötzlich ein Fremder in Mrs. Orchards Haus einzieht, gerät Clara in Panik: Verliert sie noch eine geliebte Person?

Liam hat kaum noch Erinnerungen an das Ehepaar Orchard, und trotzdem gehört ihm jetzt das Haus in Solace. Er nutzt den Umzug in den Norden Ontarios für einen Neuanfang. Für Clara und Liam wird die Vergangenheit immer wichtiger, um die Gegenwart zu verstehen. Und auch Mrs. Orchard stellt sich dem Vergangenen - denn sie hat ein wohl gehütetes Geheimnis.

1972 in Solace, Kanada

Lawson hat ihre Geschichte im Jahr 1972 in der kleinen und idyllischen Stadt Solace angesiedelt. Damit entführt sie den Leser in eine Zeit ohne digitale Medien - dafür aber mit einer Wochenzeitung, Festnetztelefon und krisseligem Schwarz-Weiß-Bild im Fernsehen. Solace ist eine typische Kleinstadt, in der sich alle kennen, nichts verborgen bleibt und Fremde erst einmal kritisch beäugt werden. Diese Atmosphäre fängt die Autorin mit gut gesetzten Beschreibungen hervorragend ein. Man fühlt sich in diese Stadt versetzt und durchlebt den Herbst mit den bunten Blättern, sieht die ersten Schneeflocken rieseln und spürt die beginnende Winterkälte. Die dicht geschilderte Atmosphäre macht einen großen Teil des Lesevergnügens aus - der restliche Teil wird durch die starken Charaktere getragen.

Drei Charaktere kommen zu Wort

Ebenso wie die Atmosphäre, ist Lawson die Figurenzeichnung gelungen. Mit wenigen Sätzen charakterisiert sie ihre Hauptfiguren genauso wie die Nebenfiguren und formt aus Namen Charaktere, die schnell zu liebgewonnenen  Begleitern durch die Lektüre werden. Clara ist ein kleines Mädchen, dass sich mehr Sorgen machen muss, als es in ihrem Alter gut ist. Doch sie bleibt mit ihren Ängsten allein, will ihre Eltern nach dem Verschwinden der Schwester nicht noch mehr belasten. Die Beschreibung dieser jungen einsamen Seele tut manchmal fast weh - Empathie ist Clara sicher. So auch Elizabeth Orchard, die in einem Krankensaal mit vielen anderen Patientinnen liegt. Ihre Gedanken schweifen immer mehr in die Vergangenheit ab. Dadurch kristallisiert sich ganz langsam ihr Geheimnis heraus, das mit ihrer Art der Einsamkeit zu tun hat. Liam, als dritte Hauptfigur, ist auch einsam, aber in seinem Fall wünscht er sich dieses Alleinsein. Introvertiert und gerade erst von seiner Ehefrau getrennt, muss er einen Weg zu einem Neuanfang suchen. Langsam bricht seine Schutzschicht auf, er öffnet sich und zeigt seinen Charakter, der auch durch seine familiäre Vergangenheit geprägt ist. Obwohl alle drei Figuren unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlicher Problematik sind, vermittelt Mary Lawson das Gefühl, sie schon lange zu kennen, was nicht zuletzt auch an den unterschiedlichen Perspektiven liegt.

Unterschiedliche Perspektiven erhöhen das Lesevergnügen

Die angenehm kurzen Kapitel haben jeweils eine Figur als Mittelpunkt. Clara und Liam begleitet man aus der Sicht eines personalen Erzählers: Ihre Handlungen, Gedanken und Gefühle werden dem Leser durch ihn vermittelt. Mrs. Orchard dagegen kommt selbst zu Wort und erzählt ihren Teil der Geschichte aus ihrer Sicht. Das macht gerade diesen Part besonders emotional, auch was das lange gehütete Geheimnis betrifft. Gleichzeitig liegen ihre Schilderungen in der Vergangenheit und bilden teilweise die Grundlage für die aktuelle Situation in Solace. Der angenehme, atmosphärisch sehr dichte und dennoch flüssig zu lesende Schreibstil ergänzt die gefühlvolle Geschichte dieser drei Menschen bestens und ist neben dem nahezu bildlich vermittelten Setting und den gelungenen Charakteren der dritte Pluspunkt in der sehr einfühlsamen Geschichte, die aber aufgrund des Zusammenspiels dieser drei gelungenen Komponenten nie ins Kitschige oder Triviale abgleitet.

Wie gehen wir miteinander um?

Das ist die zentrale Frage in diesem Roman. Und Mary Lawson beantwortet sie auf sehr empathische Weise: Sie lässt Grenzen zu und öffnet damit gleichzeitig neue Horizonte. Clara braucht - wie Liam - ihren ganz eigenen, abgegrenzten Raum um mit dem Leben klarzukommen, bis sie - wie er - bereit ist, die Grenzen immer mehr auszudehnen. Mrs. Orchard überschritt diese Grenze und bekam Probleme, die aber zu Liams jetziger Situation geführt haben. Die Frage nach dem menschlichen Miteinander wird durch Rosas Verschwinden und Mrs. Orchards Geheimnis mit einer zusätzlichen Portion Spannung gewürzt. Das macht aus dem Wohlfühlroman einen wirklichen Pageturner, den man kaum aus der Hand legen kann.

Fazit

Ein wunderbarer Roman voller Wärme, Mitgefühl und Zuversicht, der aber nie ins Triviale abgleitet. Die eingebaute Prise Spannung macht ihn endgültig zu einem Pageturner und für mich zu einem der besten Romane dieses Jahres  - sehr empfehlenswert!

Im letzten Licht des Herbstes

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