Die Verteidigung

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 272 Seiten

Couch-Wertung:

95
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Carola Krauße-Reim
Belletristische Aufarbeitung eines Nürnberger Prozesses

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Sep 2021

Ernst von Weizsäcker, der Vater des verstorbenen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, war während der NS-Zeit zuerst Gesandter in Bern, dann unter Außenminister Ribbentrop Staatsminister und ab 1943 Botschafter in Rom. Seit 1938 war er NSDAP-Mitglied und SS-Oberführer. 1947 wurde er von den Amerikanern verhaftet und in Nürnberg angeklagt. Sein jüngster Sohn Richard begleitete den Prozess als Assistent des Verteidigers Hellmuth Becker. Fridolin Schley arbeitet diesen Prozess in seinem Roman Die Verteidigung auf, wobei er der Frage nachgeht, wann stiller Widerstand in Opportunismus übergeht.

Kann man einen anderen Menschen wirklich kennen?

Im Mittelpunkt des Romans steht nicht Ernst von Weizsäcker, sondern sein Sohn Richard. Der Leser begleitet ihn während des gesamten Prozesses, jedoch immer in einer distanzierten Position. Zwar werden Gedanken und manchmal auch Gefühle Richards offenbar, allerdings immer nur durch einen Erzähler geäußert. Die Diskrepanz zwischen dem Vater, der immer viel Wert auf Integrität und Würde gelegt hat, und dem Diplomaten, der Schriftstücke zur Deportation von Juden abzeichnete und dennoch ein Mann des Widerstandes gewesen sein will, bereitet Richard Probleme. Wer ist Ernst, der Vater, wirklich: ein Held, der versuchte zu retten und zu verhindern, was in seiner Macht stand, oder nur jemand, der jetzt seine Haut retten will?

     „Wann wurde aus der vermeintlichen Deckung das bequeme, in Reichsfarben schillernde Versteck eines Mutlosen, der sein Harren stets mit der Drohung des nächstgrößeren Bösen rechtfertigte, das er dann nicht mehr würde bekämpfen können? Wo wurde aus kompromittierendem Mittun Selbstgleichschaltung?“

Immer wieder wird in die Vergangenheit geblickt, um den Menschen Ernst von Weizsäcker zu beleuchten - manchmal sogar in die (damalige) Zukunft, um die Schwierigkeiten der Wahrheitsfindung aufzuzeigen. Der Leser schwankt - wie Richard - immer zwischen den beiden Möglichkeiten: Opportunistischer, im besten Fall Mitläufer, im schlechtesten Täter oder stiller Widerständler, der Schlimmeres zu verhindern suchte. Obwohl der Ausgang des Prozesses und auch das weitere Leben von Ernst von Weizsäcker bekannt ist, schafft es Schley, den Leser mitzureißen - nicht zuletzt aufgrund der Reflektionen von Richard, die natürlich, da nie öffentlich geäußert, reine Spekulation sind, aber dennoch dem Roman eine menschliche Tiefe verleihen, der man sich nicht entziehen kann.

Vorkenntnisse sind von Nutzen

Wer sich bis jetzt noch nicht mit der Person Ernst von Weizsäckers beschäftigt hat, könnte Probleme beim Verständnis des Romans bekommen. Die Personen werden nicht eingeführt. Die Familie von Weizsäcker sollte, ebenso wie ihr Umfeld und die Akteure während des Prozesses, bekannt sein, damit die Handlung überhaupt nachvollziehbar ist. Auch sollte ein gewisses Interesse an dem behandelten Thema bestehen, denn der Roman ist alles andere als Unterhaltungsliteratur. Das hohe sprachliche Niveau verlangt äußerste Aufmerksamkeit vom Leser und die ständige Bereitschaft, mitzudenken. Eingehende Reflektionen zu z.B. der möglichen Zweideutigkeit der Diplomatensprache mit ihrem Ungeschriebenen und zwischen den Zeilen zu Lesendem oder der elaborierten Sprache im Erinnerungsbuch des Angeklagten könnten es dem Leser nicht immer leicht machen:

     „...Kurzum, man würde dahin kommen, einzusehen, daß es Zeitgenossen versagt ist, in der Schuldsprache einem Mann oder einem Umstand die Schuld an dem heutigen Unglück beizumessen.“

Eine Aufforderung zum Nachdenken

Der ganze Roman ist eine einzige Aufforderung, über den Begriff des Widerstands nachzudenken. Wann leiste ich Widerstand? Und wie weit darf ich gegen meine Überzeugung mitlaufen, um eventuell regulierenden Einfluss nehmen zu können? Wann siegt die Moral über den Opportunismus und die Pflicht? Alles schwere Themen, die Schley aber dennoch fesselnd und brillant erzählt verpackt, damit Geschichte lebendig werden lässt und gleichzeitig grundlegende und dringende Fragen aufwirft.

Fazit

Ein gehaltvolles Buch auf sprachlich hohem Niveau, das jedem Leser die Frage nach Moral und persönlicher Verantwortung stellt. Aufgrund seiner Komplexität ist es zwar kein Unterhaltungsroman, aber dennoch wegen der gut recherchierten und hervorragend dargestellten Konstellationen Vater/Sohn und NS-Zeit/Nachkriegsdeutschland äußerst spannend.

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