Who the Fuck is Kafka

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

- übersetzt von Mirjam Pressler

- Hörspiel [1 Audio-CD]

- Regie: Andrea Getto

- Länge: ca. 71 Min.

- in Zusammenarbeit mit NDR Kultur

- Sprecher: Corinna Kirchhoff, Felix Knopp u.a.

Couch-Wertung:

88
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Carola Krauße-Reim
Das kafkaesk-reale Leben im Nahostkonflikt

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Okt 2021

Lizzie Doron wurde 1954 in Tel Aviv geboren, sie ist Israelin der 2.Generation. Nach dem Tod ihrer Mutter begann sie mit dem Schreiben. Ihre vielfach ausgezeichneten Romane weisen autobiographische Züge auf – so auch Who the Fuck is Kafka. Zwar hat Doron die palästinensischen Namen geändert, jedoch ist die Geschichte so im Großen und Ganzen passiert.

Es beginnt auf einer Konferenz in Rom …

Auf einer Friedenskonferenz in Rom treffen sich die Israelin Lizzie und der Palästinenser Nadim Abu Hanis. Sie ist erfolgreiche Schriftstellerin, er Menschenrechtsaktivist und Fotograf. Sie beschließen zusammen ein Projekt: In gemeinsamen Erkundungen wollen sie das Leben des jeweils anderen kennenlernen und es dann in einem von ihr geschriebenen Buch und in einem von ihm gedrehten Film veröffentlichen. Schnell merken Sie, dass „sie dieselbe Irrenanstalt bewohnen, nur in verschieden geschlossenen Abteilungen“. Das kafkaeske tägliche Leben lässt sie das Projekt fast aufgeben. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre, denn immer wieder kommen Phasen, in denen sie nichts voneinander hören. Dennoch lernen sie viel über die Situation in der anderen „geschlossenen Abteilung“.

Eine (fast) neutrale Betrachtung des israelisch-palästinensischen Alltags

Doron erzählt aus ihrer Sicht, ihre Gedanken und Gefühle sind dem Zuhörer/Leser zugänglich – die von Palästinenser Nadim nicht. Doch auch so wird die paranoid-neurotische Lebenssituation der beiden und ihrer beiden Völker sehr eindrücklich gezeigt. Während Lizzie von der Shoah geprägt ist, ist es bei Nadim die Naqba. Auch wenn beide auf den anderen zugehen, ihn unvoreingenommen betrachten und behandeln wollen, schaffen sie es nicht. Sie wittert überall Selbstmordattentäter, er die Übermacht der Besetzung. Diese Situation wird von Doron nahezu neutral und ohne den erhobenen Zeigefinger geschildert. Mit einfühlsamem und teilweise humorvollem Blick zeigt sie die manchmal absurden Lebensumstände, wenn sie z.B. vom verkorksten Geburtstag ihres Sohnes berichtet oder vom Pass Nadims, den er sich mit Klebeband an den Bauch geheftet hat, damit er ihn bloß nicht verliert. Die ganze Tragik des Lebens in dieser Region lässt den Leser oder Zuhörer regelrecht verblüfft zurück, denn die Schwierigkeiten der Israelis und Palästinenser, ein gemeinsames Miteinander zu leben, sind für uns so fremd und nahezu unglaublich, dass man ganz gebannt ist von der Schilderung.

Zwei Menschen stellvertretend für den Nahostkonflikt

Lizzie Doron ist als die israelische Protagonistin ihres Romans natürlich in allen Aktionen und Emotionen glaubhaft und real. Aber sie schafft es, auch die Person Nadim Abu Hanis authentisch zu vermitteln, obwohl in seiner Darstellung die komplette Gefühls- und Gedankenwelt fehlt. Eigentlich gleichen die beiden Protagonisten sich enorm: Beide sind durch ihre Geschichte, ihre Religion und ihren kulturellen Kontext geprägt. Doron zeigt die Ängste der beiden, die Probleme, sich aufeinander einzulassen, die unterschiedliche Sicht auf Shoah und Naqba. Sie wollen Freunde werden, scheitern aber immer an der Vergangenheit. Doron schafft dadurch zwei einzelne Menschen, die ihre beiden Völker repräsentieren, die auch den Frieden und eine gemeinsame Zukunft suchen und dennoch immer wieder scheitern. Während die Beschreibung von Lizzie und Nadim neutral die Jüdin und den Palästinenser zeigen, gleitet die Charakterisierung von Nadims Frau zu sehr in das Klischee der muslimischen Ehefrau ab, die zwar die Göttin des Hauses ist, aber dennoch diversen Zwängen unterliegt. Das ist nicht die Regel und zeigt einmal mehr die Probleme, den anderen in seiner Persönlichkeit wirklich zu sehen.

Ein gutes Hörspiel, aber ...

Während das Buch bereits 2015 veröffentlicht wurde, ist das Hörspiel erst im August 2021 erschienen. Dass es sich dabei um eine radikal gekürzte Version des Buches handelt, bleibt auf dem Cover bedauerlicherweise unerwähnt und kann lediglich durch die geringe Gesamtlaufzeit von etwas mehr als 1 Stunde erahnt werden. Zwar ist der Grundkonflikt immer noch ausreichend dargestellt, jedoch fehlt die Komplexität des Buches, die sich aus der Gesamtheit der Begegnungen und der daraus resultierenden Situationen ergibt. Corinna Kirchhoff und Felix Knopp leihen ihre ausgebildeten Bühnenstimmen den beiden Protagonisten und schaffen mit ihren einfühlsamen und gleichzeitig pointiert vorgetragenen Dialogen, den Zuhörer in den Bann zu ziehen. Sie machen das Hörbuch - trotz der Kürzungen - zu einem Ohrenschmaus, der uns die Absurdität des Lebens im Nahostkonflikt auf eindringliche und auch humorvolle Weise näher bringt.

Fazit

Who the Fuck is Kafka ist nicht nur ein sehr unterhaltsames, sondern auch extrem aufschlussreiches (Hör-)Buch, das Außenstehenden die Schwierigkeiten des Nahostkonfliktes auf sehr persönliche Weise näher bringt. Leider besteht das Hörbuch aus einer extrem gekürzten Version des Buches, die aber dennoch die grundlegende Problematik zeigt und durch die beiden hervorragenden Sprecher eine (wenn auch kurze) sehr gute phonetische Umsetzung darstellt.

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