Klopfzeichen

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

 - HC, 400 Seiten

Couch-Wertung:

74
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Yannic Niehr
Die Geister, die sie riefen …

Buch-Rezension von Yannic Niehr Aug 2021

Rochester, New York, Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Fox-Familie hat es nicht leicht. Der Vater, ein versoffener Taugenichts, hat Frau und Tochter Leah unter seiner Kandare, reist nach Kanada, findet angeblich zu Gott. Eine weitere fixe Idee des Vaters sind Leah und ihre Mutter jedoch nicht mehr zu tragen bereit: Gemeinsam mit den in Kanada geborenen jüngeren Schwestern Margaret und Catherine bleiben sie im Städtchen Hydesville. Unterstützt werden sie von den gut situierten, intellektuellen Nachbarn Amy und Isaac Post. Leah schlägt zunächst den für eine Frau dieser Zeit gewöhnlichen Lebenspfad ein und heiratet. Ihr Mann jedoch lässt sie und ihr Töchterchen sitzen. Nun hat sie endgültig genug und schwört sich, ihr Leben so zu gestalten, dass sie nie wieder von den Launen eines Mannes abhängig sein muss. Da kommt das Wunder, das sich schon bald um ihre beiden jüngeren Schwestern ereignet, gerade recht!

Maggie und Kate behaupten, Kontakt mit dem Geist eines Hausierers aufgenommen zu haben, der in ihrem Haus einst ermordet worden sein soll. Die Präsenz taufen sie den „Toten Riesen“. Das jenseitige Wesen kommuniziert durch unerklärliche Knacklaute, scheint auf jede Frage eine Antwort zu wissen und in die Zukunft blicken zu können. Wo Maggie und Kate ein Spiel vermuten, sieht Leah mehr: Sie schwingt sich zur Managerin der beiden auf. Mithilfe einflussreicher Förderer macht sie Maggie und Kate zu Superstars, die um die Welt gehen. Doch wo Jubel erschallt, sind Nachahmer, Neider und Kritiker nicht weit. Mehr und mehr wird das starke Band der Schwestern auf die Zerreißprobe gestellt …

„Man muss das System verstehen und es für sich nutzen. Wenn dir das gelingt, dann wirst es du und nicht die anderen sein, die dein Leben kontrollieren“

Der österreichische Schriftsteller Bastian Kresser begann seine Karriere mit einer Ko-Übersetzung von Wallace-Stevens-Gedichten. 2013 schrieb er seinen Debutroman Ohnedich, gefolgt von weiteren Büchern. Zuvor hatte Kresser in Innsbruck sowie an der University of Bangor in Wales Anglistik und Amerikanistik studiert – vermutlich der fruchtbare Nährboden für Klopfzeichen, die schriftstellerische Auseinandersetzung mit einer uramerikanischen Sensation. Die geheimnisvollen Fox-Schwestern gelten als die Begründerinnen des Spiritismus, dessen Siegeszug um die Welt sich auch heute noch fortsetzt. Kresser hat seine Hausaufgaben gemacht, rollt, einem Chronisten gleich, die wichtigsten Stationen im Leben von Leah, Maggie und Kate belletristisch auf, reichert die Fakten mit Fiktion an, und bringt einem so ein faszinierendes Stück Geschichte näher.  

„Leah sagt, dass unsere Fähigkeit ein Geschenk ist. Sie sagt: Man soll das machen, was man am besten kann. Kate und ich wissen genau, was wir am besten können“

Abgesehen von einigen wenigen, hauptsächlich zu Beginn des Buches auftretenden Momenten sprachlicher Unbeholfenheit fängt Kresser die Epoche auffallend stimmungsvoll ein. Ihr Ruhm lässt die Fox-Schwestern in höchsten Kreisen verkehren und berühmte Persönlichkeiten kennenlernen. Die US-amerikanische Gesellschaft der damaligen Zeit wird dabei glaubhaft geschildert. Überzeugend gelingt vor allem der Schuss Sozialkritik, denn als überraschende thematische Grundlage herausgearbeitet werden die rigide Geschlechterhierarchie, die begrenzten Möglichkeiten für Frauen und ihr Kampf, verfassungsgemäß als gleichwertig und gleichberechtigt betrachtet zu werden. Den unbedingten Willen, dem Korsett dieser Rollen zu entkommen und das eigene Leben selbstständig in die Hand zu nehmen, macht Kresser zu Leahs Motivation. Mithilfe ihrer Schwestern scheint ihr dies zu gelingen – als Wegbereiterin der spiritistischen Bewegung, die auch und gerade Frauen ein gänzlich neues Berufsfeld eröffnet. Leider hat Leah nicht immer nur Kates und Maggies Wohl im Sinn; die Verbissenheit, mit der sie ihr Ziel verfolgt, stürzt die Schwestern mehr als einmal ins Unglück und entzweit sie langsam, aber sicher. So gerät Klopfzeichen auch zu einer Parabel über den Preis von Ruhm, Ehrgeiz und Geltungssucht.

„Jeden Tag öffnete ich die Tür zum Jenseits und sie hat sich seitdem nicht mehr geschlossen. Jetzt ist der Tote Riese in mir“

Die ambivalente Natur des Spiritismus arbeitet Kresser sehr raffiniert ein. Selbstverständlich steht auch innerhalb des Narrativs mehr als einmal die Frage zentral im Raum, ob die Fox-Schwestern nun echte Medien sind, oder ob es sich nur um einen großen Schwindel handelt. Kate und Maggie werden von einem unabhängigen Komitee untersucht und immer wieder mit Zweiflern konfrontiert. Eine konkrete Antwort jedoch wird – bis kurz vor Schluss – gänzlich ausgespart. Auf die Wahrheit kommt es nämlich viel weniger an als auf die Wellen, die das Wirken der Schwestern schlägt. Menschen sind und bleiben leicht zu beeinflussen, glauben häufig das, was sie glauben wollen, brauchen diesen Glauben ungeachtet des Inhalts. So trifft diese Geschichte angesichts der heutigen Flut an weitreichenden, immer nur einen Mausklick entfernten „Fake News“ einen Nerv. Natürlich ist das Leben der Fox-Schwestern recht gut dokumentiert und im Netz ebenfalls sofort abrufbar. Mehr Spaß macht es jedoch, sich vorab nicht zu informieren und spoilerfrei auf die Handlung, wie Kresser sie webt, einzulassen.

Diese besteht hauptsächlich aus chronologisch angeordneten Szenen aus dem Leben von Leah, Maggie und Kate Fox. Die Kapitelüberschriften geben dabei sogar häufig Auskunft über Zeit und Ort, um einen Überblick zu gewährleisten. Problematisch an dieser Art historischer bzw. autobiographischer Romane ist der Zwang, sich innerhalb des Rahmens der Tatsachen zu bewegen. An dieser Schwierigkeit kommt leider auch Klopfzeichen nicht vorbei, sodass die Handlung, wenn auch packend geschrieben, oft wie eine reine Nacherzählung daherkommt, die zerstückelt wirkt und manchmal den stringenten roten Faden einer gezielt erdachten Geschichte missen lässt.

Dem wirkt Kresser durch kurze Einschübe entgegen, die – frei und tagebuchartig formuliert – die Selbstbeschau je einer der drei Schwestern wiedergeben. Dadurch gelingt ihm eine angenehm klare und starke Figurenzeichnung von Leah, der ambitionierten Feministin, die sich selbst und allen Frauen eine neue Lebensgrundlage bereiten möchte – koste es was es wolle; von der mysteriösen und verschlossenen Kate, die in ihrer eigenen Welt zu leben scheint; wie auch von Maggie, die zeitlebens ihren Platz sucht und zwischen Liebe und Hass hin- und hergerissen ist. Auch das Leid, das die drei (insbesondere aber Kate und Maggie) aufgrund ihres ungewöhnlichen Werdegangs erfahren müssen, wird nicht beschönigt und führt zu drastischen Maßnahmen, einem dramatischen Finale und einem Epilog, der sowohl berührt als auch verblüfft und zum Nachdenken anregt. Bei allen Höhen und Tiefen und trotz berechtigter Kritik haben die Fox-Schwestern am Ende etwas geschaffen, das größer ist als sie selbst.

Fazit

Die literarische Aufarbeitung der Story bleibt leicht hinter ihren Möglichkeiten zurück. Dennoch ist Klopfzeichen eine solide, atmosphärische und spannende Romanbiographie und damit für (jenseitig) Interessierte mehr als einen Blick wert.

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