Wildtriebe

  • dtv
  • Erschienen: Juli 2021

- HC, 288 Seiten

Wildtriebe
Wildtriebe
Wertung wird geladen
Sandra Dickhaus
92

Belletristik-Couch Rezension von Sandra Dickhaus Apr 2022

Drei Generationen unter einem Dach – kann das funktionieren?

Der Bethches-Hof hat eine lange Geschichte hinter sich, seine Tradition und vor allem sein Erhalt sind die Lebensaufgabe der mittlerweile schon älteren Lisbeth. Sie übernahm einst die Verantwortung für den Bauernhof, die Tiere und das Land, ihr Mann zog zu ihr auf den Hof. Als ihr einziger Sohn erwachsen ist, bringt er eine Frau mit nach Hause: Marlies. Marlies ist ganz anders als Lisbeth, zieht sich schick an, versteht etwas von Mode, arbeitet in der Stadt in einem Kaufhaus. Nach der Heirat teilen sich die beiden Frauen den Haushalt und als auch noch das langersehnte Enkelchen das Licht der Welt erblickt, geht der Kampf um Freiheit, scheinbar unumstößliche Regeln, die Haushaltsführung und vor allem das richtige Muttersein weiter. Joanna, die Enkeltochter, ist das einzige Bindeglied zwischen den beiden Frauen, die sich stille Verachtung schenken. Doch dann ist auch Joanna schon erwachsen und möchte ein Jahr im Ausland verbringen. Beide Frauen leiden unter ihrem Auszug, fühlen sich ihr nahe und fiebern voller Erwartung ihrer Rückkehr nach. Der Weg aller drei Frauen hat Höhen und Tiefen, die es zu meistern gilt.

Dorfklatsch und die feste Verwurzelung in Traditionen

Drei Generationen unter einem Dach in einem kleinen Dorf, in dem niemand etwas tun kann, ohne dass es direkt alle wissen. Die Dorfbewohner untereinander richten mit ihrem Klatsch und Tratsch so manches Unheil an, im Grunde geht es nur darum, dass man nicht aus der Rolle fällt. Doch allen drei Frauen gelingt das nicht. Lisbeth, in deren harter Schale ein weicher Kern steckt, der allerdings noch fest verwurzelt mit alten Traditionen ist, ist trotz ihrer Dickköpfigkeit sympathisch. Vor allem der Umgang mit ihrer Enkelin Joanna ist liebe- und verständnisvoller als Marlies es zu ihrer Tochter je sein kann. Lisbeth versucht die Familie zusammen zu halten, auch wenn ihre Art und Weise so manchen vor den Kopf stößt. Doch Marlies fügt sich so gar nicht, sie passt überhaupt nicht zu dem hart arbeitenden Ehemann, auf den Hof und den alteingesessenen Haushalt.

Was sollen denn die Leute denken?

Man verfolgt in diesem Roman scheinbar banale Alltagssituationen, deren Beschreibung aber einen gewissen Sinn verfolgen, den man im Laufe des Plots zu verstehen lernt. Häufig geht es wirklich nur um den einen Gedanken: Was sollen denn die Leute denken? Entwicklungen, Veränderungen und die Probleme damit prägen den Konflikt zwischen den Generationen und zeugen von scharfzüngigen Bemerkungen der Nachbarn. Die Atmosphäre ist immer irgendwie angespannt, voller Selbstzweifel der Frauen (die Männer fügen sich in ihre Rolle als Landwirt) und jede macht dies aber mit sich selbst aus. Nie findet ein klärendes Gespräch statt. Trotz der mangelnden Empathie mag man das Leben auf dem Hof mit seinem immerwährenden Kreislauf der Jahreszeiten gerne. Die Frauen verändern sich auch, Lisbeth wird im Alter immer milder, wobei Marlies ihre Freiheit immer mehr zu schätzen weiß und sich von ihrem Ehemann entfernt. Das hat damit zu tun, dass Marlies sich nie richtig aufgehoben und akzeptiert fühlt. Sie hadert mit ihren Entscheidungen, man hat das Gefühl, sie bereut, diese Schritte im Leben gegangen zu sein. Mit dieser Figur wird man relativ schwierig warm.

Ein allwissender Erzähler, der uns die Gefühls- und Gedankenwelt Lisbeths und Marlies´ schildert, führt eindrucksvoll und teils den Situationen angemessen derb durch die Zeit. Trotz aller Widrigkeiten kann man diesem immer folgen und selbst die Erzählungen über landwirtschaftliche Eigenheiten lassen das Ganze nicht langatmig wirken. Eine klare, aber auch sensible Schreibweise zeichnet hier die Autorin aus.

Fazit

Ein starker Roman über unterschiedliche Menschen, die durch ihre Lebensgeschichte und gesellschaftliche Umwälzungen geprägt worden sind und damit genau ihre Generation vertreten. Konflikte sind unumstößlich, bieten aber auch immer eine Chance zu etwas Neuem – so auch hier. Absolute Leseempfehlung!

Wildtriebe

Ute Mank, dtv

Wildtriebe

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Wildtriebe«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik