Mr. Lincoln & Mr. Thoreau

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 192 Seiten

Couch-Wertung:

89
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Monika Wenger
Ein dem Gesetz verpflichteter Politiker und ein freiheitsliebender Naturmensch

Buch-Rezension von Monika Wenger Sep 2021

Erst kurz im Besitz seines Anwaltspatents, macht sich der junge Abraham Lincoln auf den Weg nach Springfield, um eine neue Stelle anzutreten. Der Ort und seine Bewohner scheinen sich der Stimmung Lincolns angepasst zu haben, kämpft er doch mit düsteren Gedanken und ist von Selbstzweifeln geplagt. Als Politiker und Redetalent hat er sich bereits einen Namen gemacht - doch die ruhmreiche Zukunft liegt noch in weiter Ferne.

     «An der gespannten Aufmerksamkeit, mit der Stuart ihm zuhört, merkt er, wie gut er in dieser Rolle als Redner ist. Er merkt es nicht zum ersten Mal. Auch deshalb ist er Politiker geworden.»

Doch mit den Frauen hat Abraham Lincoln keine glückliche Hand, ist er doch schüchtern, ohne Selbstvertrauen und wirkt dadurch etwas eigen. Das ändert sich erst, als er Mary Todd begegnet. Doch noch zögert und zaudert er.

Viele Meilen weiter östlich lebt Henry David Thoreau. Als Sohn eines Bleistiftfabrikanten ist er gut behütet aufgewachsen, will aber nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten und die Fabrik übernehmen. Thoreau ist ein Querdenker und Aussteiger. Nach dem Tod seines Bruders zieht er sich in die Wildnis zurück. Die Natur hält keine Erinnerungen an den Bruder – hier kann er bewusst im Jetzt leben. Nach zwei Jahren kehrt er aus dem Wald zurück, ein wenig frustriert und desillusioniert. Er findet Unterschlupf im Haus seines abwesenden Freundes Ralph Waldo Emerson. Dort widmet er sich der wiederholten Überarbeitung seines Werkes Walden. Sein Ziel ist das Erreichen der Einfachheit im Leben wie im Schreiben.

     «Die Menschheit kommt aus einem Garten, aber irgendwann hat ein Markt den Garten verdrängt. Da wurden die Menschen gierig und entdeckten die Kraft ihrer Ellbogen.»

Zwei unterschiedliche Charakterköpfe

Sebastian Guhr ist mit dieser Geschichte eine besondere Form des historischen Romans gelungen. Seine beiden Figuren kennen sich nicht persönlich, haben aber über den jeweils anderen gelesen. Sie vertreten dieselben Überzeugungen in Bezug auf die Sklaverei, und sie möchten sich für die Menschen und ihre Rechte einsetzten - der eine mehr mittels Gesetzen, der andere mit Freiheiten. Der Autor lässt viel Historisches in diesen Roman einfließen, ohne dass dieser damit zu einem trockenen und überladenen Geschichtsunterricht wird. Der tiefe Einblick in die Seelen dieser beiden außergewöhnlichen Menschen erzeugt eine schöne Nähe. Das Hadern und das Zweifeln zeigen die menschliche und verletzliche Seite der beiden Charaktere ausgezeichnet.

Die humorvolle und schnörkellose Geschichte von den beiden berühmten Zeitgenossen wird in abwechselnden Kapiteln erzählt und umfasst eigentlich nur einen kleinen Zeitschnipsel in deren Leben. Originell, wie Sebastian Guhr diese Figuren aufeinandertreffen lässt, ohne dass sie sich dabei erkennen.

Fazit

Zwei historische Figuren, Abraham Lincoln und Henry David Thoreau, erhalten in diesem Roman einen gemeinsamen Rahmen. Unterhaltsamer Geschichtsunterricht zu vielfältigen und nach wie vor sehr aktuellen Themen. Eine anspruchsvolle Lektüre mit lebensnahen Figuren und dezentem Humor. Schlicht und eindrücklich erzählt, ist es eine wunderbare Abweichung von der Norm.

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