Das Jahr, in dem wir verschwanden

Erschienen: Juli 2021

Bibliographische Angaben

- aus dem Englischen von Britt Somann-Jung

- HC, 304 Seiten

Couch-Wertung:

62
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Julian Hübecker
Eine Generation in Angst und Schrecken

Buch-Rezension von Julian Hübecker Aug 2021

Ende der 70er Jahre ist Atlanta ein sehr gefährlicher Ort für Kinder – besonders für Jungen. Sie verschwinden aus ihren Kinderzimmern, auf dem Weg zur Schule oder zu Freunden. Es ist eine Zeit, die eine ganze Generation in Angst und Schrecken versetzte – so auch die Autorin Tayari Jones, die ihre Erfahrungen in diesem Buch verarbeitet.

„Er hat mich geschubst, und ich bin sauer geworden, und dann hab ich gesagt, ich hoffe, der Mann schnappt dich, und jetzt ist er weg.“

In Atlanta geht ein furchtbarer Mörder rum, der auch an der Oglethorpe Elementary School ankommt und bald das erste Opfer fordert. Tasha, Rodney und Octavia gehen hier in die fünfte Klasse und erleben neben dem allgemeinen Schulwahnsinn, wie die Furcht um sich greift und alle beeinflusst. Doch für Kinder ist der Schrecken weniger fassbar, die allzu reale Bedrohung genauso mystifiziert wie der Schwarze Mann. Die Erwachsenen allerdings wissen um die Gefahr, und bald greift das Gefühl der Hilflosigkeit auch auf die Kinder über.

Tasha und ihre kleine Schwester erleben gerade die Trennung ihrer Eltern, als die Schlagzeilen um den Kindermörder hochkochen. Um seine beiden Mädchen zu beschützen, zieht ihr Vater wieder zurück. Tasha weiß nicht so wirklich damit umzugehen; gleichzeitig hat sie mit Mobbing an der Schule zu kämpfen. Als ein Mitschüler ihr zu aufdringlich wird, wünscht sie ihm den Mörder an den Hals. Am nächsten Tag ist der Junge verschwunden …

Rodney leidet unter den Schlägen seines Vaters, die ihn stark machen sollen. Er versteht nicht, warum ihn sein Vater nicht mehr liebt, und sehnt sich einfach danach, dazuzugehören, während Octavia zwar von ihrer Mutter geliebt wird, sie aber in der Schule sehr einsam ist. Dann lernen sie sich kennen, und auf einmal fühlen sie sich verstanden. Bis das nächste Kind verschwindet …

Keine herausragende Umsetzung

Anfangs klingt die Geschichte aufgrund ihres realen Hintergrunds und dem Bezug zur Kindheit der Autorin sehr spannend. Besonders interessant ist, dass sich Tayari Jones immer wieder selbst in kleinen Nebenrollen hineingeschrieben hat und so der Realität eine zusätzliche Eindringlichkeit verleiht. Bis heute gilt die Mordserie, der über 20 Kinder und Jugendliche zum Opfer gefallen sind, als unaufgeklärt, obwohl jemand angeklagt und verurteilt wurde. Die Angst jener Zeit muss unerträglich gewesen sein und stets wie eine Dunstglocke über der Stadt gehangen haben.

Von dieser Anspannung ist im Buch nur wenig zu spüren. Begleitet werden in eigenen Kapiteln die drei Kinder Tasha, Rodney und Octavia, die mitten im Jagdzentrum des Mörders leben und daher unmittelbar miterleben, wie um sie herum Kinder verschwinden. Man merkt schnell, dass sie anders mit dem Schrecken umgehen als die Erwachsenen und für sie der tägliche Kampf in der Schule und/oder in der Familie unmittelbarer ist. Dennoch werden sie immer wieder mit den Morden konfrontiert und müssen ihren Alltag anders gestalten.

Zwischendurch schafft es Tayari Jones, einzufangen, wie das Leben der Kinder zugunsten deren Sicherheit umgekrempelt wird und was es mit ihnen macht. Doch die Trennung in drei einzelne Kapitel hat der Geschichte nicht gut getan, sondern eher die Möglichkeit genommen, weitgreifender zu agieren und die Kinder sich gegenseitig beeinflussen zu lassen. So ist Tasha in ihrem Kapitel natürlich omnipräsent, wird im zweiten aber überhaupt nicht erwähnt und im dritten nur sporadisch – und das, obwohl die Kids die gleiche Schule besuchen. Dadurch konnte kein durchgängiges Gefühl der Ohnmacht und Erschütterung aufkommen, sondern man wurde immer wieder herausgerissen.

Fazit

Kinder erleben anders als Erwachsene – gerade Schreckliches, wie die Mordserie Ende der 1970er. In Grundzügen ist dies in Tayari Jones‘ neuem Buch erkennbar, wird durch den Aufbau der Geschichte aber immer wieder auf ein Grundlevel zurückgeholt, sodass es nicht richtig zur Geltung kommt.

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