Die Übersetzerin

Erschienen: September 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Hedy's War

- aus dem Englischen von Anke Kreutzer

- HC, 320 Seiten

Couch-Wertung:

92
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Julian Hübecker
Gefangen auf einer Insel

Buch-Rezension von Julian Hübecker Sep 2021

Hedy muss aus Wien vor den Nazis fliehen. Auf Jersey wähnt sie sich in Sicherheit. Doch als die Deutschen schon bald die Insel besetzen, wird die Zuflucht zu einer Falle. Als sie sich ausgerechnet in Kurt verliebt, fühlt sie sich als Verräterin ihrem eigenen Volk gegenüber. Doch das soll nicht ihr einziges Problem bleiben …

„Aber ein Gewissen, wurde ihr jetzt klar, ließ sich nicht beschwichtigen oder sauber schrubben.“

Jersey liegt als eine der Kanalinseln zwischen Frankreich und der britischen Hauptinsel. Als wichtiger strategischer Stützpunkt haben die Nazis Anfang der 1940er die Insel besetzt. Die Jüdinnen und Juden, die die Gefahr frühzeitig erkannten, flohen weiter nach Norden, doch Hedy hat die Chance verpasst. Sie versucht sich bedeckt zu halten, doch die Situation wird für alle Inselbewohner immer entbehrungsreicher. Wichtige Ernteerträge und weitere Güter werden von den Deutschen beschlagnahmt, die Einheimischen hungern, und auch Hedy hat kaum etwas zu essen.

Dann bietet sich ihr die Möglichkeit, als Übersetzerin ausgerechnet unter den Feinden zu arbeiten. Da Hedy sowohl Englisch als auch Deutsch spricht, beißen die Nazis in den sauren Apfel und stellen die Jüdin ein, ja, bezahlen sie sogar. Hedy hofft so, den Krieg zu überleben. Doch dann lernt sie den Wehrmachtssoldaten Kurt kennen. Anfangs weiß er nicht, dass sie Jüdin ist. Doch Kurt ist so anders als seine grausamen Kollegen. Er verabscheut den Krieg und die Unterdrückung eines ganzen Volkes. Als die Kehrtwende im Krieg kommt und die Deutschen immer mehr Land verlieren, ändert sich auch die Stimmung auf der Insel: Alle übrigen Juden sollen deportiert werden. Auf einmal muss Hedy sich verstecken. Kurt und ihre Freundin Dorothea helfen ihr dabei. Doch die Deutschen haben ihre Augen und Ohren überall …

Ein Stück Geschichte

Dass in der Nazizeit Millionen von Menschen ihr Leben verloren, täuscht darüber hinweg, dass es immer auch um Einzelschicksale geht. Eines davon ist das von Hedy. Ihre Geschichte blieb lange Zeit unerzählt, doch Hedys Freundin Dorothea hat die ungewöhnliche Geschichte festgehalten und für die Nachwelt verfügbar gemacht. So konnte Jenny Lecoat diesen außergewöhnlichen Roman verfassen, der sich spannend und eindringlich liest. Mit Sicherheit ist viel fiktives Material hinzugeschrieben worden, doch das geschichtliche Gerüst alleine ist schon filmreif.

Trotz der fiktiven Elemente glaubt man der Autorin jedes Wort. Sie zeichnet ein realistisches Bild von Hedy, die zwar immer wieder verbittert von der Grausamkeit der Nazis spricht, aber trotzdem auch Mut und Entschlossenheit erkennen lässt. Auch die Beziehung zu Dorothea beginnt sehr einseitig, denn Hedy kann der quirligen Frau nur wenig abgewinnen. Immer wieder ist sie von Dorothea genervt, und das merkt man als Leser sehr deutlich. Am Ende soll es jedoch ausgerechnet sie sein, die ihr das Leben rettet und schließlich den Status einer Gerechten unter den Völkern zuteil werden lässt.

Schade ist, dass man im Nachwort nichts mehr über Hedys und Kurts Verbleib nach dem Krieg erfährt. Nun hat man die beiden durch diese schwere Zeit begleitet, da wäre solch ein informativer Abschluss wohlverdient und interessant gewesen.

Fazit

Jenny Lecoat porträtiert eine junge Jüdin, die sich ausgerechnet in einen deutschen Wehrmachtssoldaten verliebt. Diese ungewöhnliche Geschichte geht tief ins Herz und macht deutlich, dass es auch unter den Deutschen nicht nur „die Bösen“ gab.

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