Sag nicht, wir hätten gar nichts

Erschienen: Juli 2021

Bibliographische Angaben

- übersetzt von Anette Grube

- Broschur, 656 Seiten

Couch-Wertung:

85
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Monika Wenger
Worte können mehrere Bedeutungen haben, sodass man nicht kontrollieren kann, wie sie verstanden werden

Buch-Rezension von Monika Wenger Aug 2021

Die zehnjährige Marie und ihre Mutter sind noch immer in tiefer Trauer über den Verlust von Maries Vater Kai. Vor einiger Zeit ist er nach Hongkong gereist und hat sich dort Wochen später das Leben genommen; die Hintergründe sind völlig unklar. Erst viele Jahre später, nach dem Tod der Mutter, macht sich Marie auf die Suche nach Antworten und reist nach China ...

Auf Spurensuche

Nach dem Tod des Vaters, Jiang Kai, bleiben viele Fragen unbeantwortet, die Hintergründe über seinen Tod vorerst ungeklärt. Die Mutter durchforstet die Hinterlassenschaften und telefoniert öfters mit Menschen in China. Sie wirkt angespannt und abwesend. Für das kleine Mädchen ist das Verhalten der Mutter nur schwer einzuordnen, trotzdem ist es sehr neugierig auf den angekündigten Besuch aus China. Die junge Frau, Ai-ming, wird für einige Zeit bei ihnen wohnen und dann weiterreisen.

Obwohl Ai-ming neun Jahre älter ist als Marie, entsteht schon bald eine enge Verbindung zwischen den beiden. Mit Hilfe von Ai-mings Erzählungen über ihre Familie gelingt Marie eine Annäherung an ihre eigenen chinesischen Wurzeln, ein Interesse an der Kultur und der Familiengeschichte wird in ihr entfacht. Leider muss Ai-ming die kleine Familie schon bald verlassen: Sie will unbedingt in Amerika in den Genuss der Amnestie für chinesische Studenten kommen - und damit zu einer regulären Aufenthaltsbewilligung.

Marie und ihre Mutter werden nie wieder von ihr hören. Ai-ming scheint untergetaucht zu sein – verschollen. Jahre später, noch immer auf der Suche nach Ai-ming und nach Hinweisen zur Vergangenheit ihres Vaters, reist Marie nach Shanghai. Und hier – endlich - findet sie weitere Details zu Ai-mings und ihrer eigenen Familiengeschichte ...

«Ich machte es mir zur Aufgabe, mich an alles zu erinnern, was sie gesagt hatte, die schönen, grausamen und mutigen Taten, die ihr Vater und meiner begangen hatten, die unsere Leben miteinander verbanden.»

Madeleine Thiens Roman Sag nicht, wir hätten gar nichts ist ein beeindruckendes Zeugnis vom Leben der Menschen in China und von den sich verändernden Machtverhältnissen in den vergangenen siebzig Jahren. Ai-mings Familiengeschichte, die sie nach und nach der kleinen Marie erzählt, beginnt in den 1940ern, während des Zweiten Japanischen-Chinesischen Krieges, und führt zu den Anfängen der Kulturrevolution in den 1960er Jahren. Überwachung, Denunziationen, Misstrauen und Angst beginnen, das Leben der Menschen zu beherrschen.

Am Konservatorium in Shanghai zeigen sich die Auswirkungen schon bald in ihrer schrecklichsten Form: Westliche Musik wird als dekadent abgetan, die Musiker, Lehrer und Studenten in sogenannte Umerziehungslager verbannt oder in Fabriken zum Arbeiten geschickt. Wer kann, versucht, das Land zu verlassen; wer bleibt, lebt in ständiger Furcht vor Demütigungen, Verdächtigungen und Gewalt. Die Menschen machen sich klein, werden unsichtbar. So ergeht es auch dem begabten Komponisten Sperling. Mit der Zeit rückt der Traum von einem Leben mit Musik immer weiter weg. Sperling passt sich unwillkürlich den Gegebenheiten an, wird innerlich aber immer hohler.

     «[…] die in den Strudel der Politik geraten, in das Auf und Ab und Ineinander von Revolution, Gewalt und Unterdrückung, führen zu der universellsten und zugleich privatesten aller Fragen: Wie kann der Mensch sich selbst treu bleiben, lieben und kreativ sein, wenn er sich verstellen und verstecken muss, weil er um sein Leben fürchtet

Sein Freund Jiang Kai dagegen schafft den Absprung, musiziert im Ausland und wandert nach Kanada aus. Plötzlich verändern sich die politischen Gegebenheiten in China erneut; die Lage spitzt sich zu. Nach Hungerstreiks und Demonstrationen der Studenten entwickelt sich eine Gewaltspirale am Tiananmenplatz in Peking. Und wieder werden die Menschen unterdrückt, gedemütigt und getötet.

Über die Familiengeschichte von Ai-ming setzt die Autorin die Geschichte vom «Buch der Aufzeichnungen». Interessanterweise existieren von diesem Buch nur Abschriften einzelner Kapitel. Diese Teile tauchen an den verschiedensten Orten wieder auf und erzählen eine weitere Geschichte von einem Paar namens Da-wei und Vierter-Mai. Irgendwie scheinen diese Geschichten einen Bezug zur Geschichte von Ai-mings und Maries Familien zu haben ...

«An der Oberfläche war die Geschichte eine einfache epische Chronologie des Untergangs eines Reiches, doch die in dem Buch gefangenen Figuren erinnerten sie an Menschen, an die sie nicht denken wollte: an ihre Brüder und Eltern, ihren Mann und ihren Sohn, die sie verloren hatte.»

Die vielen Zeitebenen, die verschachtelte Geschichte und die teils blumige Sprache sind eine Herausforderung, vermitteln aber gerade deshalb eine große Nähe zum Geschehen und ein intensives Leseerlebnis.

Fazit

Der bemerkenswerte Roman über das Leben in China umfasst eine Zeitspanne von rund siebzig Jahren. Intensiv und nachhaltig erzählt Madeleine Thien die Geschichte zweier Musikerfamilien im Strudel der großen und umwälzenden Ereignisse während dieser Zeit. Beeindruckend und erschütternd zugleich, gewährt der Roman mit seinen vielen interessanten Details einen tiefen Einblick in die chinesische Politik und Kultur.

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