Sommer wie Winter

Erschienen: Juli 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 208 Seiten

Couch-Wertung:

90
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Carola Krauße-Reim
Spannend wie ein Kriminalroman

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Aug 2021

Alexander Sommer kommt als kleines Kind in die Familie Winter. Als Pflegekind hat er es schwer; meist ignoriert, hat er nur zur gleichaltrigen Manuela ein inniges Verhältnis. Sein Wunsch nach Schulbildung wird der Arbeit auf dem Bauernhof im Bergdorf Sölden geopfert. Als er älter ist, will er seine leibliche Mutter finden, die angeblich nach Neuseeland ausgewandert ist und ihn einfach in der kahlen Wohnung zurückgelassen hatte. Mit diesem Wunsch tritt er Ereignisse los, die in einer Katastrophe enden ...

Ein viel beachtetes Debüt

Judith W. Tascheler, inzwischen eine über die Landesgrenzen hinaus bekannte österreichische Autorin, hat mit Sommer wie Winter 2011 ihren Debütroman vorgelegt, der gleich viel Beachtung fand. Wiederholt nominiert und ausgezeichnet, ist er seitdem in mehreren Auflagen erschienen, so jetzt bei Droemer. Auch wenn manches etwas antiquiert erscheint, ist das Thema zeitlos und der Roman immer noch spannend zu lesen.

In Sölden regiert der Gast

Gleich zu Beginn ist klar: Der Familie Winter/Sommer muss etwas Furchtbares geschehen sein, denn der ganze Roman besteht aus Protokollen von Gesprächen, die jeweils ein Familienmitglied mit einem Psychiater führt, ergänzt durch divers eingestreute Zeitungsartikel. Diese Gespräche finden von Januar bis April 1990 statt. Was sich eher nüchtern anhört, zieht den Leser sofort in den Bann. Alexander, das Pflegekind, berichtet dem Therapeuten von seiner Kindheit, seinen drei Schwestern und dem doch noch geborenen Erben Andreas. Die anderen Familienangehörigen schildern die Lage aus ihrer Sicht. Taschler schafft es mit wenigen Sätzen, die Kälte in dieser Familie zu verdeutlichen, in der immer nur der Bauernhof, die Pension und das später folgende 5-Sterne-Hotel wichtig waren. Die Kinder mussten alle mitarbeiten, die Gäste hatten stets Vorrang, und das Familienleben blieb auf der Strecke. Manchmal hat man auch den Eindruck, dass Geld und Ansehen wesentlich wichtiger waren als Geborgenheit und Liebe in der Familie. Dazu kamen die engstirnigen Moralvorstellungen und der Gesellschaftsdruck eines Bergdorfes, das 1990 wohl noch nicht so touristisch durchwachsen war wie heute. Jedoch spielt die Atmosphäre nur eine untergeordnete Rolle im Roman - im Vordergrund stehen die Figuren und ihre Charaktere.

Demontage einer Familie

Die beiden Protagonisten sind Pflegesohn Alexander und Manuela, seine gleichaltrige Schwester. Sie kommen am meisten zu Wort. Schon durch ihre Art der Artikulation zeigt Taschler die unterschiedlichen Charaktere: Alexander ist zurückhaltend und still. Obwohl er intelligent ist, wird ihm der Wunsch nach höherer Bildung verwehrt; er muss im Stall und aushilfsweise in der Pension arbeiten. Er führt ein sklavenähnliches Leben. Manuela ist das Gegenteil: Sie setzt sich zur Wehr, macht als erste Frau im Tal eine Ausbildung zur Mechanikerin. Sie unterstützt Alexander, wo es nur geht, und hält zu ihm. Im Laufe der Protokolle kristallisiert sich die Familienkonstellation immer mehr heraus. Die Probleme, immer schön unter den Teppich gekehrt, kommen jetzt durch die Aussagen und damit auch durch die Charaktere der Berichtenden ans Licht. In dieser Familie gab es nicht nur Ungesagtes, sondern auch gehütete Geheimnisse, die ausgesprochen die Familie zerstören und - was fast noch schlimmer ist - ihren Ruf im Dorf. Taschler hat mit dem nüchternen Stil der Protokolle alles Narrative aus der Geschichte genommen - keine wörtliche Rede, kein beschreibender Erzähler, nur die pure Innenansicht der Familie. Dennoch oder gerade deswegen ist das Erzählte so unglaublich fesselnd. Immer mehr erfährt der Leser, immer mehr wird offenbart, bis es zum Schluss zum Fiasko kommt, das die Familie auf eine sehr harte Probe stellt.

Fazit

Ein Buch, das unter die Haut geht! Sommer wie Winter ist die Innenansicht einer Familie, die an Geheimnissen, herrschenden Moralvorstellungen, Geldgier und fehlender Wärme zugrunde geht. Judith W. Taschler schafft es, aufgrund des ungewöhnlichen Stils und der sehr guten Figurenzeichnung eine Spannung aufzubauen, die bis zum Schluss anhält.

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