Die Alster-Schule: Zeit des Wandels

Erschienen: Juni 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 432 Seiten

- Bd. 1 [Die Lehrerin von Hamburg]

Couch-Wertung:

79
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Monika Wenger
Im Vordergrund steht die Freude am kreativen Lernen

Buch-Rezension von Monika Wenger Aug 2021

Felicitas Marquardt ist mit Leib und Seele Lehrerin. Das Wohl der Kinder liegt ihr sehr am Herzen, und so tritt sie voller Optimismus ihre erste Stelle am Harvestehuder Gymnasium an. Doch schon der Einstieg misslingt, und am Ende muss sie sich überlegen, wie es für sie weitergehen soll. Nicht nur Felicitas Lage ist schwierig: Die politische Situation in Deutschland wird zunehmend angespannter, und die Zukunft scheint ganz und gar nicht rosig zu werden ...

Der verpfuschte Beginn

Obwohl Felicitas es sich nicht hätte vorstellen können, steht sie bereits nach dem ersten Schultag wieder ohne Anstellung auf der Straße; ihr unkonventioneller Einstieg in den Unterricht ist bei der Schulleitung gar nicht gut angekommen. Nach dem ersten Schock fasst sie neuen Mut. Sie erinnert sich an den Studienfreund in Berlin, Emil Tiedemann, der in Hamburg aufgewachsen ist. Emil vermittelt ihr eine Anstellung an der Alsterschule in Rotherbaum, und endlich kann Felicitas ihren Beruf wie erträumt ausüben.

     «Genau das habe ich mir von einer Schule gewünscht, als ich nach Hamburg kam. Dass der Unterricht statt in Jahrgangsklassen in altersübergreifenden Lerngruppen abgehalten wird.»

Felicitas liebt nicht nur ihren Beruf als Lehrerin: Sie geht gerne zum Tanzen und genießt das Hamburger Nachtleben in all seinen Facetten. Als hervorragender Beschützer steht ihr - nebst Emil - der gemeinsame Lehrerkollege Levi zur Seite. Sie bilden ein ungleiches Gespann: Emil, der etwas steife, stets kontrollierte Englisch- und Turnlehrer; Levi, der zurückhaltende und anständige Deutschlehrer; und Felicitas, die Geschichtslehrerin – impulsiv und freiheitsliebend.

Unruhige Zeiten stehen bevor

Die guten und ruhigen Zeiten halten leider nicht lange an. Die Machtergreifung der Nazis verändert das gesellschaftliche Leben, und plötzlich muss jeder für sich entscheiden, auf welcher Seite er steht. Auch die Alsterschule ist von den neuen Machtverhältnissen und deren Auswirkungen betroffen: Der Unterricht wird auf Anordnung immer disziplinierter und strukturierter; mehr und mehr wird das Gedankengut der Reformpädagogik - die Bildung durch Selbsttätigkeit und der handlungsorientierte Unterricht - untergraben. Emil steht im Gunstkreis der neuen Mächte und ist als Freund deshalb immer schwerer einzuschätzen. Die Maßnahmen durch die Nazis werden beharrlich fortgesetzt und im Zuge dessen wird Levi von der Alsterschule verwiesen, weil er Halbjude ist. Er unterrichtet nun an einer jüdischen Schule und ahnt die stets größer werdende Gefahr. Felicitas versucht noch eine ganze Weile, sich den Veränderungen entgegenzustellen, und entgeht nur dank Emils schützender Hand der Aufmerksamkeit der Nazis. Für die Menschen beginnt eine Zeit der Angst, der Zerrissenheit und der Unsicherheit. Wem kann man noch vertrauen? Was wird noch alles geschehen ..?

Julia Kröhn ist mit dem ersten Band der Alsterschule ein eindrücklicher und sehr gut recherchierter Roman über die sogenannte Reformpädagogik und die Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus gelungen. Indem sie anhand des Schulalltags die vorherrschenden Unterrichtsmethoden mit Drill und körperlicher Züchtigung aufzeigt und ihnen die Methoden der Reformpädagogik gegenüberstellt, werden die Unterschiede im Unterrichten deutlich hervorgehoben. Während der Machtergreifung der Nazis kann man die Auswirkungen der «neuen» Ideologien im Schulunterricht mitverfolgen und die Wirkung des langsamen Eintrichterns, des Infiltrierens, förmlich spüren, die Absichten deutlich erkennen.

Die einzelnen Charaktere sind sehr gut getroffen und verkörpern perfekt die verschiedenen Geisteshaltungen: Emil, der angestrengte und steife Typ, der sich den Nazis unterordnet, aber in seinem Innersten zweifelt; Levi, der sich immer um andere bemüht und sich selber dabei zu vergessen scheint; Felicitas, die freiheitsliebende und für ihre Zeit emanzipierte und mutige Frau; und schließlich Anneliese, Felicitas Jugendfreundin, ein Musterbeispiel an Naivität und Gutmütigkeit, die nur das Ziel der Familiengründung verfolgt. Rund um diese Figuren hat die Autorin ihre Geschichte aufgestellt und damit eine äußerst spannende und unterhaltsame Lektüre geschaffen. Auf die Fortsetzung darf man deshalb gespannt sein!

Fazit

Eine historische Zeitreise und spannende Themen prägen diesen Roman von Julia Kröhn. Obwohl der Buchtitel auf die in den 1930er Jahren allgemein angewandten Methoden der Schulbildung und im Besonderen auf die Reformpädagogik zu verweisen scheint, schreibt die Autorin auch detailliert und sorgfältig recherchiert über die Machtergreifung der Nazis in den Jahren 1930 bis 1939 in Hamburg und die verheerenden Auswirkungen. Eine berührende und spannende Geschichte über eine schwierige Zeit.

Die Alster-Schule: Zeit des Wandels

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