Was bleibt von uns

Erschienen: Juni 2021

Bibliographische Angaben

- übersetzt von Sigrid C. Engeler

- TB, 224 Seiten

Couch-Wertung:

85
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Carola Krauße-Reim
Intensiv und berührend

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Aug 2021

Golnaz Hasehzadeh Bonde wurde 1985 im Iran geboren. Mit ihren Eltern floh sie nach Schweden, wo sie aufwuchs und heute noch lebt. Das bereits 2018 im Hardcover erschienene Was bleibt von uns ist ihr erstes ins Deutsche übersetzte Buch.

Nahid erzählt ihr Leben

Der Inhalt des Buches zeugt von der Erfahrung der Autorin als Flüchtling. Auch Nahid ist mit Mann und Tochter aus dem Iran nach Schweden geflohen, musste alles zurückgelassen. Jetzt ist sie 60 und unheilbar an Krebs erkrankt. Sie lässt ihr Leben Revue passieren und hat nur noch einen Wunsch: die Geburt ihrer Enkelin zu erleben. Die Geschichte wird komplett aus Nahids Sicht erzählt – der Leser begleitet sie in ihren oft tiefsinnigen Gedanken, ihren Erinnerungen und auch ihren Ängsten. Das macht die Lektüre zu einem intensiven Erlebnis, das sehr widersprüchliche Gefühle hervorrufen kann.

„Volk von Sand“ – „Volk von Wurzeln“

Nahid fühlt sich als eine vom Leben betrogene Frau; der Krebs ist nur der Finale Schlag und die letzte Kränkung. Als junge Frau hat sie es geschafft, zum Studium der Medizin zugelassen zu werden - doch dann kam die Revolution. Sie verliert erst ihre kleine Schwester Noora, dann durch die Flucht ihre ganze Familie und die Heimat. In Schweden entpuppt sich ihr Mann als gewalttätiger Tyrann, sie muss auf ihre Ausbildung verzichten, wird immer mehr zum Opfer. Nahid fühlt sich dem „Volk von Sand“ zugehörig, dem das Leben wie Sand durch die Finger rinnt, das ohne Wurzeln nirgendwo Halt findet. Anders als das „Volk von Wurzeln“, das ohne zu wissen, was Entwurzelung bedeutet, leben kann. Nahid erinnert sich an ihr Leben im Iran, an ihre Kindheit, aber besonders an den mitverschuldeten Verlust ihrer Schwester, den sie einfach nicht überwinden kann. Sie versucht, in ihrer Tochter einen Ersatz zu finden, was natürlich nicht gelingt, und hofft jetzt, dass die noch ungeborene Enkelin das Gedenken an Noora wach hält.

Die Lektüre fordert den Leser

Golnaz Hashemzadeh Bonde stellt ihre Protagonistin als sehr ambivalente Person dar. Nahid scheint eine behütende und liebevolle Mutter zu sein, doch ihre ganze Fürsorge ist eine einzige egoistische Handlung. Sie fühlt sich nicht nur vom Leben betrogen, sondern auch bestohlen – es hat ihr alles, aber vor allem die geliebte Schwester genommen. Da die eigene Tochter Aram nicht als Ersatz für Noora funktionieren kann, fühlt sich Nahid auch von ihr betrogen. Das äußert sich in einem nicht zu überbietender Selbstsucht und in manchmal sehr aufbrausendem Verhalten. Die Versuche Arams, zu helfen, das Leid ihrer erkrankten Mutter zu lindern, laufen oft ins Leere und verpuffen in Nahids ständigem Selbstmitleid und Egoismus. Erst die Rückblenden geben dem Leser Gelegenheit, zu erahnen, warum Nahid so geworden ist. Die Schrecken der Revolution, ständige Angst, die Flucht und Entwurzelung ließen sie zu der egozentrischen Person werden, die sie heute ist. Das ist eine Erklärung - jedoch minimiert sie die Tragweite der Vorkommnisse durch ihr fast schon abstoßend egoistisches Verhalten ins Unerträgliche und schafft es dadurch nicht, sich als Sympathieträgerin beim Leser zu etablieren. Zwar ist gerade das Ende sehr emotional, aber dennoch kann man sich nicht gegen den Gedanken wehren, dass es gut ist, dass Nahid nicht Einfluss auf das Leben ihrer Enkelin nehmen kann. Die Geschichte ist sehr berührend - jedoch nicht wegen Mitleid für Nahid, sondern eher aus Sympathie für ihre Tochter, die alles tut, um ihrer Mutter gerecht zu werden, und dennoch immer ins Leere läuft und brutal zurück gestoßen wird.

Fazit

Was bleibt von uns ist eine sehr intensive und fordernde Geschichte, denn Golnaz Hashemzadeh Bonde zeigt ihre Protagonistin als vom Leben enttäuschte Egoistin, die wenig zur Sympathieträgerin taugt. Jedoch stößt der Roman Überlegungen zu den Themen Heimat und Flucht an, die bedauerlicherweise immer aktuell zu sein scheinen.

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