Saint X

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- aus dem Englischen von Wibke Kuhn

- HC, 480 Seiten

Couch-Wertung:

80
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Carola Krauße-Reim
Ein vielschichtiger und gleichzeitig spannender Roman

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Aug 2021

Die 7-jährige Claire und ihre 18-jährige Schwester Alison verbringen mit ihren Eltern eine Familienurlaub auf der Karibikinsel Saint X. Am letzten Morgen ist Alison verschwunden. Ihre Leiche wird auf einer kleinen, unbewohnten Nachbarinsel gefunden. Der Vorfall und der Verlust beeinträchtigen Claires Leben. Als sie 18 Jahre später in New York den Mann sieht, der des Mordes an ihrer Schwester verdächtigt wurde, will sie die Wahrheit herausfinden ...

Ein Kriminalfall und viel Gesellschaftskritik

Nur scheinbar steht der Kriminalfall im Vordergrund. Alexis Schaitkin nutzt ihn in ihrem Debütroman, um darauf eine wesentlich vielschichtigere Geschichte aufzubauen: Der unaufgeklärte Tod eines jungen Familienangehörigen und der Umgang mit diesem Verlust und der Trauer sind Ausgangspunkt für einen Roman, der sanft, aber beharrlich mit dem Finger auf unsere Gesellschaft zeigt. Rassismus, das mögliche Diktat der Hautfarbe sowie die Privilegien, die mit der „richtigen“ einhergehen, die Arroganz mancher Gesellschaftsschichten – all das packt die Autorin in diesen Roman, der genauso kritisch wie spannend ist. Dabei lässt sie vor allem Claire zu Wort kommen, die große Teile aus ihrer Sicht erzählt. Doch zahlreiche Perspektivwechsel zeigen auch andere Seiten des Geschehens. Die narrativen Passagen werden teilweise durch Protokolle, Zeitungsausschnitte oder andere Schriftstücke unterbrochen, die Claire während ihrer Suche nach der Wahrheit findet. Sogar Alison selbst darf zu Wort kommen. Das lockert den Roman auf, kann aber auch manchmal etwas viel werden, wenn erst Claire erzählt, dann diverse Akten Neues eröffnen und anschließend noch ein anderer Beteiligter aus seiner Sicht das Geschehen wiedergibt.

Claire, Alison und Clive

Claire und Alison sind sich ihrer Privilegien als weiße, wohlhabende Amerikanerinnen bewusst. Anfangs ist vor allem der älteren Alison der nur scheinbar rassismusfreie Umgang ihrer Eltern mit den Einheimischen auf der Insel peinlich. Sie versucht das Bild der wohlbehüteten und braven Tochter zu ändern, aber nur, wenn es der Rest der Familie nicht mitbekommt; zu groß ist die Angst, öffentlich aus dem Rahmen zu fallen.

Claire macht im Laufe der Zeit eine große Entwicklung durch: vom introvertierten und manchmal zwangsgesteuerten Kind hin zu einer willensstarken und unabhängigen Frau. Jahre nach dem Tod der Schwester geht Claire ganz bewusst und offen andere Wege, als es für eine studierte weiße Frau aus der gehobenen Mittelschicht die Regel ist. Schaitkin gelingt die Figurenzeichnungen dieser beiden Frauen bestens. Auch sie sind aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe in Normen gepresst, denen sie entkommen wollen. Nahezu aussichtslos ist das für die einheimischen Angestellten im Luxusresort der Insel Saint X. Zwei von ihnen werden verdächtigt, an Alisons Tod beteiligt gewesen zu sein. Vor allem für Clive ist das ein genauso einschneidendes Erlebnis wie für Claire. Sein Leben gerät völlig aus den Bahnen; er verliert den Boden unter den Füßen, auch wenn ihm nichts nachgewiesen werden kann. Sein Bericht Jahre später zeigt seine Verletzlichkeit und auch die Chancenlosigkeit. Mit Einblicken in seine Kindheit und Jugend verdeutlicht die Autorin die oft geringen Möglichkeiten der  Einheimischen in Hinsicht auf Bildung und einen gehobenen Lebensstandard. Die so gekonnt verpackte Gesellschaftskritik lässt die Suche nach der Wahrheit aber nicht untergehen, sondern läuft quasi nebenbei ab.

Was geschah mit Alison?

Während des ganzen Romans bestimmt die Frage nach Alisons Tod die Handlungen. Dadurch wird eine durchgängige Spannung geschaffen, die bis zum Schluss anhält. Viele Jahre bleibt die Wahrheit im Dunkeln, und als sie sich offenbart, ist auch sie von Vorurteilen durchdrungen. Schaitkin vollführt mit dem Geschehen einen Kreis, der in Saint X beginnt, sich in New York und Pasadena fortsetzt, um wieder nach New York zurückzukommen und in Saint X zu enden. Alle Stationen sind durch den Tod Alisons geprägt: Er hat Auswirkungen auf alle Beteiligten, beeinträchtigt ihre Leben tiefgreifend,

und doch erlauben Rassismus und Vorurteile nicht, das Offensichtliche zu sehen, das dies verhindert hätte.

Fazit

Saint X ist ein messerscharfes Debüt. Es verknüpft leichtfüßig die großen Themen unserer Zeit mit einem spannenden Kriminalfall. Das gut gesponnene Netz aus Vorurteilen, Rassismus, Trauer und Verlust hält dem Leser den Spiegel vor, ohne anklagend zu werden. Kein Roman für zwischendurch, aber einer für ruhige Lesestunden.

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