Brot für die Toten

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- aus dem Polnischen von Henryk Bereska

- hrsg. v. Ewa Czerwiakowski, Sascha Feuchert & Lothar Quinkenstein

- HC, 416 Seiten

Couch-Wertung:

80
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Carola Krauße-Reim
Eine kaum zu ertragende Geschichte

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Aug 2021

Brot für die Toten erschien bereits 1971 im polnischen Original, 1974 dann in der DDR in deutscher Übersetzung. Jedoch fand sich kein Verlag, der das Werk in West-Deutschland verlegen wollte. Jetzt gibt der Wallstein Verlag das Buch im Rahmen der „Bibliothek der polnischen Holocaustliteratur“ als Band I in der Übersetzung von Henryk Bereska (1926-2005) heraus. Im Anhang finden sich zahlreiche Anmerkungen, ein Glossar, die Chronologie Warschaus 1939-1945 und ein Nachwort von Lothar Quinkenstein.

Der Schrecken des Warschauer Ghettos

David, fast noch ein Kind, wird mit seiner Familie im Warschauer Ghetto eingemauert. In dem drei Quadratkilometer großen Areal versuchen hunderttausende Menschen, eng zusammengepfercht zu überleben. Die Versorgung ist katastrophal: die Nahrung wird strikt rationalisiert, die hygienischen Verhältnisse sind verheerend und medizinische Betreuung so gut wie nicht vorhanden. Die Menschen verhungern, sterben an Typhus oder kommen ins Vernichtungslager Treblinka. David und seine Freunde versuchen, durch Diebstähle oder riskante Ausbrüche auf die andere, die arische Seite, ihre Familien am Leben zu erhalten. Die psychische, physische und auch moralische Belastung ist enorm; es gilt nur irgendwie zu überleben. Manchen hilft der Gedanke, dass die Nazis angeblich alle Juden nach Madagaskar transportieren wollen, andere suchen Hilfe bei den Judenräten, die jedoch eine sehr fragwürdige Rolle im Ghetto spielen.

     „Kettenhunde! Kettenhunde gehen den Juden an die Gurgel, und die Juden glauben, es seien ihre Hunde, denn ihre Ketten sind für jüdisches Geld gekauft. Aber die Hunde dienen den Deutschen und die Deutschen werden die Ketten in  die Hand nehmen, damit die Hunde sie auf kürzestem Wege zu den Juden führen, um sie auszurauben.“

David erlebt das Grauen jeden Tag und glaubt bis zum Schluss, ihm entkommen zu können.

Der Autor hat das alles selbst erlebt

Bogdan - eigentlich Dawid - Wojdowski wurde 1930 geboren. Als 10-jähriger kam er ins Warschauer Ghetto, aus dem er 1942 fliehen konnte. Seine Familie wurde in Treblinka ermordet. Er versteckte sich als „Bogdan“ im arischen Viertel und überlebte so. Nach dem Studium war er als Journalist und Schriftsteller tätig. Brot für die Toten hat autobiographische Züge und gilt als herausragendes Werk der polnischen Holocaustliteratur. Wojdowski zeigt, dass in der Shoa nicht nur Juden ermordet, sondern auch ihre Kultur und ihre Art zu leben vernichtet wurden. Indem Wojdowski in seinem Werk unendlich viele Menschen beim Namen nennt, erhält er das Gedächtnis an die Toten am Leben und lässt sie somit nicht in Vergessenheit geraten. Bogdan Wojdowski beging am 21.4.1994, dem 61. Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstandes, Suizid.

Eine schwer zu lesende Geschichte

Was Wojdowski erzählt, ist nur schwer zu ertragen. Schon der Zwangsumzug in das Ghetto nimmt den Leser mit, denn „wenn ein Jude einziehen soll, kann man vorher alles verheizen … Wenn ein Jude einziehen soll, kann man ruhig die Schwelle zerhacken und den Schornstein niederreißen“. Was dann kommt, ist nichts für schwache Nerven: Die Menschen leiden entsetzlich, verhungern, sterben auf der Straße und bleiben dort liegen. Elias und seine Helfer mit ihrem Leichenkarren sammeln sie ein.

     „Sie mussten die steif gewordenen Kadaver auf die Höhe des  Wagens heben und sie mit weitausholendem Schwung auf den Leichenstoß schleudern. Arme und Beine prallten oft auf die Kante, also kletterte Awrum, der jüngste und leichteste von den dreien, hinauf, stampfte die tote Ladung fest und machte so den Neuankömmlingen Platz.“

Auch die  beschämenden und widerlich voyeuristischen Besuche der Nazis im Ghetto sind geschildert, bis hin zum Zusammentreiben der Juden für den nächsten Transport ins Vernichtungslager.

     „Meine Herren, jetzt wird‘s lustig. >Bluthändchen< eskortiert die Frommen aus der Ciepła. Gleich gibt‘s 'ne Festmesse! ... Ein Gendarm stülpte die Lippen vor, richtete sein Gewehr auf ihn, drückte den Lauf gegen den Kaftan und schoß zweimal. Ein Stöhnen war zu hören, und der gekrümmte Greis brach zusammen. ‚Wegräumen!‘

Doch nicht nur der Inhalt kann dem Leser zu schaffen machen, auch der Stil ist extrem anspruchsvoll. Der Autor macht den Eindruck eines Gehetzten, der immer wieder, wie zwanghaft, Momentaufnahmen schildern muss, die zwar chronologisch erzählt werden, aber eine immense Anzahl von Namen und einen ständigen Bezug zum jüdischen Leben und zur jüdischen Religion haben. Das verlangt äußerste Aufmerksamkeit bei der Lektüre, die auch nur wenig direkte Rede aufweist,  sodass vieles narrativ aufgearbeitet ist.

Fazit

Brot für die Toten ist ein berechtigter Schrei nach Gedenken und Mahnung. Das Buch scheint für Bogdan Wojdowski als Mittel zur persönlichen Erinnerung, gleichzeitig als Möglichkeit der Verarbeitung und vor allem als literarisches Mahnmal für die Menschen im Warschauer Ghetto zu dienen. Durch Inhalt und Stil ist es definitiv kein Buch, dass man zur Unterhaltung liest, das aber einen wichtigen Platz in der Literatur der Shoa einnimmt.

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