W.

  • Klett-Cotta
  • Erschienen: Mai 2021

- übersetzt von Gisela Kosubek

- HC, 416 Seiten

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Sandra Dickhaus
80

Belletristik-Couch Rezension von Sandra Dickhaus Jun 2022

Eine Charakter- und Gesellschaftsstudie verpackt in einen Roman

200 Jahre nach dem schicksalsträchtigen Mord an der Witwe Johanna Woost werden die Geschehnisse in diesem prosaischen Werk noch einmal aufgerollt.

Ihr Mörder ist Johann Christian Woyzeck, ein mittelloser, psychisch sehr labiler und von der Gesellschaft ausgestoßener Soldat. Schon Georg Büchner diente dieser historische Mord mit Woyzeck als Hauptfigur als Vorlage für sein Drama.

Sem-Sandberg wählt gegenwärtig die Form des Romans und nutzt lange Kapitel und verschachtelte Sätze, um „W“, wie er nur genannt wird, zu beschreiben. Seine Charakter- und Gesellschaftsstudie verpackt der Autor, indem er den Leser nah an den Antihelden heranlässt. So erfährt man, dass W ein eifersüchtiger Trunkenbold ist, der seine Geliebte mitnichten mit Samthandschuhen anfasst, wobei er immer wieder Stimmen hört und sich verfolgt fühlt. Auf keinen Fall ein angenehmer Genosse. Doch soll man auch Mitleid mit ihm haben? Mit seiner Rolle als Ausgestoßenem, Verlachten?

Sem-Sandberg versucht eine Antwort zu geben, die er aber so verpackt, dass man die Möglichkeit hat, selbst zu wählen. Wer den historischen Woyzeck und die vorherige literarische Verarbeitung seines Schicksals kennt, weiß, dass kein Happy End vorgesehen ist.

Quellenrecherche gepaart mit einer Prise Fiktion

Der Autor muss eine Menge an Quellenrecherche betrieben haben, um in seinem Roman so in die Tiefe gehen zu können. Glücklicherweise sind die Dokumente noch gut erhalten. Natürlich mischt sich dies mit Fiktion. W erhält einen Gerichtsprozess, diverse psychiatrische Gutachten versuchen ihn einzuordnen. Doch was ist die vermeidliche Wahrheit? Ist jemand wie W wirklich schuldig? Eindringlich erzählt wird die Widersprüchlichkeit in diesem Fall. Wer den Roman liest, weiß natürlich von der Berühmtheit der Figur und wie sie ums Leben kommt. Dies ist ein großer Vorteil für den Autor, wenn er das voraussetzen kann, denn so ist es ihm möglich, sich ganz auf die einzelnen Erzählmomente zu fokussieren und gezielt Fiktion mit Wahrheit zu verweben. Spannung kommt so von alleine auf. Irgendwie hofft man ja doch noch auf eine Urteilsfindung, die man gerechterweise akzeptieren kann.

Keine brutalen Szenen, es geht um den Menschen W.

Deutlich wird, dass es nicht um brutale Szenen geht, die erzählt werden müssen, sondern allein um den Menschen W. Sein Lebensweg und sein Werdegang, seine psychische Disposition und sein Verhältnis zu Frauen können so nachvollzogen werden. Wobei nie der Druck besteht, W verstehen zu müssen. Man ist als Zuschauer dabei und schaut, was passiert. Dabei geht es um Fragen, wie W zum Mörder werden konnte und was er erlebt hat. Ist die Gesellschaft, die ihn verhöhnte und verlachte, nicht auch ein bisschen mit schuldig? So begleitet man den Antihelden auch in den Krieg, was Büchner in seinem Drama wiederum nicht aufnimmt. Man erlebt, was er erlebt und das auch in erschreckenden Einzelheiten. Schnell nimmt man dann von seinen gesellschaftlichen Moralvorstellungen Abschied und ergibt sich dem Prozess, in dem sich W befindet. Bildlich wird geschildert, dass W wirklich nie ernst genommen wird.

Eindringliche Worte, um dem Ganzen Eindruck zu verleihen

Sem-Sandberg hat die Gabe den Halluzinationen der Hauptfigur Raum zu geben, in die sich Phasen der Trauer und Wut, Suizidgedanken und Selbstzweifel mischen, indem er eindringliche Worte nutzt. Ein Schicksal, das W mit vielen Kriegsrückkehrern gemein hat, ist die Posttraumatische Belastungsstörung, die ihn umtreibt. Auch die Versuche so einiger Möchtegern-Experten und Seelen-Scharlatane, um Ws Gemütszustand bis aufs Äußerste auf den Grund zu gehen, nehmen hier ausreichend Raum ein. Dennoch hat man nie den Eindruck, sich dem Kern des Ganzen genähert zu haben, es gibt zu viele unterschiedliche Perspektiven und Möglichkeiten. Allerdings lässt uns der Autor hier nicht ganz im Ungewissen, er vermischt die offenen Fragen und unterschiedlichen Meinungen gezielt miteinander, beeinflusst aber nicht. Dazu ist auch W ein zu komplexer Charakter.

Fazit

Ein bekannter Mord, der in der Literatur seinen Platz findet. Auch ohne intensive Schilderungen blutrünstiger Szenen kommt der Roman mit klaren Worten dazu, den Charakter des Protagonisten von allen Seiten zu beleuchten und erzeugt so einen konstanten Spannungsbogen.

W.

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