Das Jahresbankett der Totengräber

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Le Banquet annuel de la confrérie des fossoyeurs

- aus dem Französischen von Holger Fock & Sabine Müller

- HC, 480 Seiten

Couch-Wertung:

70
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Sandra Dickhaus
Forschungen über das Leben auf dem Land im 21. Jahrhundert

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Okt 2021

Der Pariser Antropologe David hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben auf dem Land im 21. Jahrhundert zu erforschen. Hierbei möchte er mehr über die Sitten, Bräuche und das Leben der Menschen auf dem Dorf erfahren, um darüber seine Dissertation schreiben zu können.  Seine Feldforschung führt ihn in eine Gegend, die ihn fasziniert und in die er sich mehr und mehr einlebt. Das Dorfleben mit seinen Kühen, den Traditionen und Kneipen, dem urigen Humor und den eigenen Gepflogenheiten haben es ihm angetan. Auch die unterschiedlichsten Charaktere hat er sich so nicht vorgestellt.

Ein dicker Schmöker mit eigenem Charme

Mathias Enerd hat diese Geschichte in einem dicken Schmöker verpackt, der seinen ganz eigenen Charme hat – wenn man ihn denn mag. Themen wie Liebe, Begehren, Abschied und auch der Fluch und Segen von Veränderungen haben hier, neben historischen Fakten und unheimlich viel Allgemeinwissen, ihren Platz. Dazu hat der Autor seinen Roman mit zwei Erzählperspektiven ausgestattet: Einmal bekommt man Einblick in Davids Forschung, und dann gibt es den Erzähler, der die Geschehnisse wiedergibt; hier erkennt man, was David teilweise noch alles so verborgen bleibt. Die Schilderungen Davids sind voller humoriger Einfälle und Wortwitz, wobei deutlich wird, dass er sich selbst nicht so ernst nimmt und keineswegs verbohrt zu sein scheint.

Im Zentrum steht der Beruf des Totengräbers

Im Zentrum des Romans steht im Grunde - so wie es der Titel auch verrät - der Beruf des Totengräbers, den hier der Bürgermeister des Ortes verkörpert. David hat ihn, so wie viele andere Dorfbewohner, nach und nach kennengelernt und macht sich mit ihnen vertraut. Viele Szenen, die sich dabei ergeben, sind recht unterhaltsam. Die Hauptfigur gelangt auch auf das Jahresbankett der Totengräber, bei dem im wahrsten Sinne des Wortes gefressen, gesoffen und gefeiert wird. Jedes Jahr findet dieses traditionell statt und nimmt einen großen Teil der Erzählung ein.

Kann man den Wissenschaftler sympathisch finden?

Allerdings ist es schwierig, den Wissenschaftler David sympathisch zu finden; eventuell ist das auch nicht die Absicht des Autors. So ergeht sich der Protagonist in seinen Schilderungen in erotischen Phantasien, möchte Digitalsex mit seiner weiter weg wohnenden Partnerin und nervt damit wirklich. Der Roman ist sprachlich auf sehr hohem Niveau angesetzt, der Stil ausschweifend und üppig. Eingestreute Gedichte, historisches und kulturelles Wissen, sowie der Glaube an die Wiedergeburt vermitteln einen Eindruck von Skurrilität inmitten von Bildung und Bekenntnis. Die Klammern, die immer wieder eingebaut werden, hätten aber auch weggelassen werden können, denn statt die Erzählung zu bereichern, stört dies eher den Lesefluss. Dieser ist schon allein durch einen hypotaktischen Satzbau schwierig zu halten. Teilweise verschachteln sich Geschehnisse, Wissen und Phantasie so ineinander und miteinander, dass man an der einen oder anderen Stelle nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Den roten Faden hat man zuvor nur noch mit Mühe festhalten können, um ihn dann endgültig zu verlieren. Man kann der wortgewaltigen, mit vielen Metaphern ausgestatteten Erzählung wirklich eine gewisse Humorigkeit zusprechen, doch diese Unterbrechungen stoppen die Unterhaltsamkeit immens. Meist führt dies eher zum Weglegen der Lektüre und einem wieder mühevollen Aufnehmen des erneuten Weiterlesens. Im Grunde scheint hier manchmal, schweren Herzens, nur ein Querlesen zu helfen, um den Kern der Geschichte nicht zu verlieren und dort wieder ansetzen zu können. Geduld braucht man auf jeden Fall.

Fazit

David, der forschende Anthropologe auf dem Land, ist keineswegs der nette, talentierte Großstädter, sondern eher ein merkwürdiger Typ, mit dem man nicht wirklich warm wird, den man über- und manchmal auch unterschätzt. Der Hang zu Ausschweifungen, Einschüben, oder ellenlangen verbalen Auseinandersetzungen mit diversen Themen verleiht dem Roman etwas Schweres, trotz so mancher humoriger Szene.

Das Jahresbankett der Totengräber

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