Der Morgen davor und das Leben danach

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Dear Edward

- aus dem Englischen von Carola Fischer

- TB, 416 Seiten

Couch-Wertung:

83
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Monika Wenger
Ein Überlebender ...

Buch-Rezension von Monika Wenger Mai 2021

Auf dem Flughafen herrscht an diesem Morgen, dem 12. Juni 2013, wie immer ein Kommen und Gehen. Aufgeregtes Summen und Schwirren liegt in der Luft, und diese ganz besondere Spannung beherrscht die Atmosphäre. Für einige Passagiere wird es eine Reise zu etwas Neuem, Unbekanntem sein. So auch für Familie Adler: Jane Adler ist Drehbuchautorin und hat ein tolles Jobangebot an der Westküste erhalten. Die ganz Familie zieht deshalb ins sonnige Kalifornien. Auf dem Flug von New York nach Los Angeles passiert das Unglück: Das Flugzeug stürzt ab; hunderteinundneunzig Menschen sterben. Nur der zwölfjährige Eddie Adler überlebt als Einziger den Absturz ...

Schwieriger Anfang

Nach seiner Entlassung aus dem Spital kümmern sich seine Tante Lacey und sein Onkel John liebevoll um ihn. Sie sind nun seine Familie. Der Anfang ist schwierig, denn Edward – wie Eddie nun gerufen wird – fühlt sich nicht in der Lage, sein Leben ohne seinen geliebten Bruder Jordan und seine Eltern zu meistern. Die Trauer und die Sinnlosigkeit machen ihn sprachlos; das Essen wird zur Tortur, das Schlafen unmöglich.

     «… den wahren Grund, warum er im Haus von seiner Tante und seinem Onkel nicht schlafen kann. Er kann es nicht ertragen, mit einer Mutterfigur zu leben, die nicht seine Mom ist, und einer Vaterfigur, die nicht sein Dad ist. Er hatte Eltern, und er hat sie verloren.»

Shay, die zwölfjährige Nachbarstochter, ist die Einzige, die mit Edward umzugehen weiß. Selbst eine Außenseiterin, spricht sie ihn direkt und ungefiltert auf den Absturz und den Tod seiner Eltern und seines Bruders an. Für Edward erst ein Schock, weiß er schon nach kurzer Zeit Shays direkte Art als Lebenshilfe zu schätzen. Sie, die eigentlich immer von zu Hause weglaufen wollte, wird ihm Stütze und Verbündete. Schon bald sind sie unzertrennlich.

Schutz und Sicherheit

Währenddessen versuchen Lacey und John, Edward von der Außenwelt abzuschirmen und zu schützen. Seine äußeren Wunden sind verheilt und dank Shay hat sich eine Art Alltag eingependelt. Die Zeit vergeht und Edward wird bald 15 – so alt wie sein Bruder Jordan war, als der Flugzeugabsturz geschah. Nebst der beginnenden Pubertät wird diese Tatsache eine weitere und besondere Herausforderung. Ausgerechnet in dieser heiklen Phase stößt Edward auf ein Geheimnis in der Garage seines Onkels. Diese Entdeckung erschüttert sein seelisches Gleichgewicht, verhilft ihm aber zu weiteren Erkenntnissen rund um das Geschehen nach dem Flugzeugabsturz. Er lernt, den Schmerz zu akzeptieren, und erkennt, dass er wohl seine Eltern losgelassen hätte, aber niemals seinen Bruder Jordan ...

Ann Napolitano beginnt ihren Roman mit der Beschreibung des Geschehens auf dem Flughafen und im Flugzeug während den Startvorbereitungen und dem anschließenden Flug. Die Spannung vor der Sicherheitskontrolle, das Gerangel, bis jeder Passagier seinen Sitzplatz einnimmt, das Verstauen der Gepäckstücke: Das alles vermittelt ein bekanntes Bild, so wie wir das von etlichen Reisen kennen. Das quirlige Geschehen, diese Unruhe auf dem Flughafen, die Erwartungen und die Spannung kurz vor dem Abflug werden sehr lebendig beschrieben. Die Autorin erzählt im Plauderton Geschichten von einigen Passagieren, gewährt detaillierte Einblicke in deren Leben – in ihre Gedanken, Wünsche und Hoffnungen – und verknüpft diese mit der Geschichte der Familie Adler.

Dann führt ein abrupter Szenenwechsel zum Absturzort, und ganz langsam taucht die Erkenntnis von einem Unglück auf. In Echtzeit erzählt die Autorin vom Geschehen im Flugzeug und wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Parallel dazu beschreibt sie Edwards Überlebenskampf – dieser (zum großen Teil) stille Kampf des Jungen, der seine Eltern und seinen Bruder verloren hat.

     «Dr. Mike sagt: ‚Was passiert ist, Edward, ist in deine Knochen eingebrannt. Es lebt unter deiner Haut. Es wird nicht weggehen. Es ist ein Teil von dir, und es wird jeden Moment ein Teil von dir bleiben, bis du stirbst. Und seit ich dich zum ersten Mal traf, bist du dabei zu lernen, wie du damit leben kannst.‘»

Ann Napolitano bedient sich bei den Schilderungen von Edwards Leben einer etwas distanzierteren Erzählweise. Das erweist sich als Vorteil, weil sich damit ein gewisser emotionaler Abstand zu den Ereignissen rund um Edward herstellen lässt. Die Geschichte verliert gegen Ende etwas von ihrer anfänglichen Erzählkraft. Es bleibt dennoch eine berührende und klug aufgebaute Lektüre.

Fazit

Ein berührender Roman über die Verarbeitung von Verlust und Trauer. Gleichzeitig ist er aber auch Sinnbild für die Kraft der Liebe, der Hoffnung und der Freundschaft – alles Voraussetzungen, damit ein solches Schicksal überhaupt angenommen werden kann. Eine wunderbar leise und feine Geschichte, klug aufgebaut und voller Empathie.

Der Morgen davor und das Leben danach

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