Die Skrupellosen

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- OT: The Snakes

- aus dem Englischen von Wibke Kuhn

- HC, 464 Seiten

Couch-Wertung:

80
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Sandra Dickhaus
Welches Geheimnis steckt hinter dem Todesfall von Alex, dem Sohn eines der reichsten Männer Londons?

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Mai 2021

Eine Familie, die scheinbar alles hat: Geld, Macht, Immobilien, schöne Autos und Luxus pur. Doch Bea möchte mit all diesem scheinheiligen Prunk nichts mehr zu tun haben. Sie lehnt das Geld ihrer Familie ab und lebt mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Dan in einer kleinen Wohnung. Beide können sich nicht wirklich viel leisten und müssen auf jeden Penny achten. Bea arbeitet als Psychologin und Dan hält sich mehr schlecht als recht als Immobilienmakler und Möchtgern-Künstler über Wasser. Nach einigen intensiven Gesprächen entscheiden sie sich, eine Auszeit zu nehmen, ein billiges, schrottreifes Auto zu kaufen und die unterschiedlichsten Orte zu besuchen. Ihre erste Station ist das ungepflegte, nicht renovierte Hotel von Beas Bruder Alex in Frankreich. Dan möchte relativ schnell wieder fahren, aber Bea überredet ihn, ein bisschen Zeit dort zu verbringen. Mit Alex verbindet sie eine Menge; beide haben ein spezielles Verhältnis zu Mutter Liv und Vater Griff. Als sich ihre Eltern spontan zu Besuch ankündigen, gerät die ganze Situation außer Kontrolle. Danach macht Alex sich dann auf, etwas für seinen Vater zu erledigen zu müssen, und kommt nicht wieder. Bereits da wird schnell klar, dass dort nicht alles so lupenrein ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Bis dato war Dan auch nicht bewusst, wie viel Geld seine Schwiegereltern haben und wie ihr eigentliches Leben aussieht, da er sie nur einmal kurz kennenlernen durfte. Er gerät in einen Gedankenstrudel, in dem er wütend auf Bea wird, da sie sich weigert, das Geld ihres Vaters, der einer der reichsten Männer Londons ist, anzunehmen. Seine Kindheit war immer geprägt durch Enthaltsamkeit, Armut und Lieblosigkeit. Doch auch Bea hat, so wie ihr dem Alkohol und Drogen zugetanen Bruder Alex, Erfahrungen in Kindheit und Jugend gemacht, die sie ganz weit weg von ihrer Familie getrieben haben. Als dann noch klar ist, dass Alex ermordet wurde, geraten alle in einen Strudel von Verdächtigungen, unbarmherziger Ehrlichkeit und Verstrickungen in Selbstlügen.

Geld und Macht machen so großen Unterschied

Sadie Jones ist bekannt dafür, eher die leisen Töne zu wählen. Es finden sich keinerlei unerträgliche Gewaltszenen, sondern eher perfide, untertönige psychologische Spannungen, die es auszuhalten gilt. Die Selbstliebe der Figuren, vor allem die der Mutter Liv und des Vaters Griff, sind hervorragend gezeichnet. Man glaubt Bea sofort bei der ersten exzentrischen Begegnung mit ihren Eltern, dass sie Abstand zu ihnen möchte. Dennoch gerät auch sie immer wieder in den Sog der Abhängigkeit - nicht finanziell, sondern mental, denn den Befehlen ihres Vaters leistet sie meist Folge. Ihr Ehemann Dan spielt in Gedanken so einige Szenarien durch, um an Geld zu kommen, verachtet und vergöttert zugleich die Welt der Reichen und Schönen. Man spürt, dass es einen Unterschied macht, im Geld zu schwimmen, sich keine Gedanken darum machen zu müssen, statt keines zu besitzen. So macht auch Dan zum wirklich ersten Mal in seinem Leben die Erfahrung, dass Geld Macht bedeutet und man ihm nur sehr schwierig widerstehen kann. Umso weniger kann er nachvollziehen, dass seine Frau Bea all diesen Luxus vehement ablehnt. Den genauen Grund nennt sie ihm nie - doch man spürt, dass so einige schlimme Vorfälle geschehen sein müssen; als Leser ist man eingeweiht. Auch Alex, ihr großer Bruder, ist eine tragische Figur, die versucht (mehr schlecht als recht), in seinem Leben einen geeigneten Platz für sich, seine Gedanken und Emotionen zu finden. Dies scheitert aber an seiner Abhängigkeit zur Mutter, der Unterwürfigkeit gegenüber dem Vater und den Demütigungen und dem Missbrauch, den er über sich ergehen lassen musste. Sein Tod reißt eine große Wunde, die zu schließen noch nicht einmal Nadel und Faden vermögen.

Die Machenschaften einer reichen Familie und das Warten auf den großen Knall

Dieser Roman steckt von der ersten Seite an voller Spannung, die sich immer weiter aufbaut. Man möchte wissen, was geschehen ist und noch geschehen wird, wartet auf den großen Knall und möchte so gerne die Augen vor den Machenschaften der reichen Familie verschließen. Die Grausamkeit innerhalb einer Familie, die nach außen eine weiße Weste zu tragen vorgibt, ist kaum zu ertragen. Bea unternimmt den Versuch einer Flucht aus dieser Welt, wird aber von allen dafür belächelt, wie man so blöd sein könne, ein Leben mit finanziellem Engpass einem Luxus-Jet-Set-Leben vorzuziehen; nicht nur ihr Vater zeigt ihr dies immer wieder. Als ihr Mann Dan bemerkt, wie viel Geld hinter allem steckt, wird auch er zunehmend missmutiger.

Fazit

Eine vordergründig zufriedene Familie, die im Luxus schwelgt, muss sich damit abfinden, dass so manche Leiche im Keller gefunden werden kann- auch wenn man die Augen davor verschließt. Es geht um Macht, Missbrauch und den Reiz des großen Geldes, wobei so manches Zwischenmenschliche auf der Strecke bleibt. Jede der Figuren hat ihre eigene Art, damit umzugehen. Eine Geschichte, die in vornehmem Stil deutlich macht, wie tödlich Familiengeheimnisse sein können.

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