Real Life

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- aus dem Englischen von Eva Bonné

- HC, 352 Seiten

Couch-Wertung:

65
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Sandra Dickhaus
Eine eindringliche Geschichte über Intoleranz, Gewalt und Rassismus

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Jul 2021

Eine Geschichte, die viele Aspekte vereint: Rassismus, Gewalt, Macht, Homosexualität, Wissensdurst, Zurückgezogenheit und Missbrauch ...

Wallace kommt aus einer Familie, die nicht viel Geld hat, und schafft es mithilfe eines Stipendiums, zu studieren. So sehr er sich auch freut: Immer hat der das Gefühl, er müsse mehr geben als seine weißen MitstudentInnen. Als einziger Afroamerikaner an seiner Universität fällt er doch immer auf, ob er will oder nicht. Er gehört zu einer Gruppe StudentInnen der Biochemie und verbringt seine Zeit mit ihnen. Doch so richtig zugehörig fühlt er sich dennoch nicht. Dann beginnt er eine Liebesbeziehung mit Miller, und die beiden erzählen sich gegenseitig von ihren Traumata der Vergangenheit. Dabei wird so einiges aufgewirbelt. Wallace beginnt, sich gegen Werte und Freundschaften zu stellen, die ihm vorher noch wichtig waren, und schürt Streit. Ob das der richtige Weg ist, mit seiner Vergangenheit und seinem mangelndem Selbstbewusstsein umzugehen?

Leise und eindringliche Töne, aber ein bisschen mehr Aktivität würde nicht schaden

Der Autor beginnt mit einem Zusammensein der Clique am See und erzählt auf den ersten Seiten die Atmosphäre sehr detailgetreu. An diese Art der Herangehensweise des Erzählens muss man sich zunächst erst gewöhnen, denn hier geht es zwar um gewaltige Themen, aber das heißt nicht, dass diese auch so wiedergeben werden. Brandon Taylor ist eher ein Autor der leisen Töne; die eindringlichen Momente der Geschichte versucht er, mit erzählerischen Mitteln zu verdeutlichen. Dazu zählt dann auch, dass er sehr ins Detail geht. Zwischendurch mag man die Figuren mal anschubsen, um etwas Pepp ins Geschehen zu bringen - vor allem, als Wallace eine Affäre mit seinem weißen Kommilitonen beginnt, der anfangs überhaupt nicht vertrauenserweckend wirkt. Doch scheinbar macht er, so wie Wallace auch, eine Entwicklung durch. Die Szenen im Labor nehmen viel Raum ein und man merkt, dass diese Forschung an der Universität für Wallace einen Flucht-, aber auch einen Ankerpunkt darstellt. So verbringt er hier viel Zeit, denkt nach und reibt sich auch mit anderen Laboranten. Hier wird deutlich, dass es um Leistung und einen Wettstreit geht, der mit allen Mitteln gewonnen werden will. In den einzelnen Extremsituationen während der Konflikte ist sich doch jeder selbst der Nächste.

Ein wenig klischeebehaftete Figurenzusammensetzungen

Auch wenn die Freunde seiner Clique vermeintlich auf Wallace‘ Seite stehen, werden immer wieder - wenn auch manchmal unbedacht - rassistische Äußerungen laut; so beispielsweise, wenn ihm unterstellt wird, er nutze seine Position als einziger Schwarzer aus, um mehr Privilegien herauszuschlagen. Allerdings irritiert die Zusammensetzung der Clique etwas und bis man dahinter gekommen ist, dauert es auch ein paar Seiten. So besteht diese nur aus homosexuellen Männern, die sich sofort auf den ersten Blick am ersten Tag an der Uni über den Weg gelaufen sind. Das ist doch ein wenig klischeebehaftet. Und irgendwie kocht doch jeder sein eigenes Süppchen.

Es ist nicht so einfach, sich mit Wallace zu identifizieren; es besteht eine unsichtbare Mauer, egal, wie viel man über sein Innenleben erfährt. Ein wirklicher Sympathieträger ist er nicht, auch wenn man meint, man müsse ihn mögen, weil man sonst rassistisch und homophob sei. Allerdings ist dies auch Unsinn, denn es geht einzig um seinen Charakter, und dieser ist völlig unabhängig von den Äußerlichkeiten. So wirklich integriert er sich nirgends, ein richtiger Wille, sich anderen anzupassen, besteht bei ihm nicht. Der Autor legt den Fokus auf seine Denkweise, sein Verhalten und seinen Alltag. Das, was seine Freunde wirklich denken und wie sie ticken, bleibt dennoch verborgen. Die Dialoge zwischen Miller und Wallace gehen auch nicht richtig in die Tiefe, man muss doch eine Menge herauslesen. Das Ganze kratzt nur an der Oberfläche. Trotz all dieser Unvollkommenheiten wird die Message des Romans deutlich und eindringlich vermittelt.

Fazit

Sprachlich in leisen Tönen und psychologisch raffiniert schildert der Autor die Problematik des Rassismus und der Homophobie in den USA. Hierzu nutzt er Wallace als Aushängeschild inmitten einer Gemeinschaft weißer StudentInnen an der Universität.

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