Es war einmal in Hollywood

Erschienen: Juli 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Once upon a Time in Hollywood

- aus dem Englischen von Stephan Kleiner & Thomas Melle

- HC, 400 Seiten

Couch-Wertung:

70
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Yannic Niehr
True Grit statt Glanz und Glamour

Buch-Rezension von Yannic Niehr Jul 2021

Es war einmal, im magischen Sommer 1969, da lebte in Hollywood ein abgehalfterter Westerndarsteller namens Rick Dalton. Nachdem er einst Bekanntheit in der TV-Serie Bounty Law erlangt hatte, blieb danach der große Karrieresprung leider aus. Trotz seiner Angst, nichts mehr auf die Reihe zu bekommen und für den Rest seiner Laufbahn vielleicht auf die Rolle des Schurken festgenagelt zu werden, nimmt er das Angebot an, in der neuen Serie Lancer den Bösewicht zu mimen. Kann er mit seinen Schauspielkünsten überzeugen und sich zu neuem Ansehen verhelfen?

Außerdem sind da noch Cliff Booth, Ricks einstiger Stuntman und nun praktisch sein persönlicher Assistent, der seine Tage unbeschwert begeht und keine höheren Ambitionen mehr hegt; Sharon Tate, junge, hübsche Gattin des Star-Regisseurs Roman Polanksi, die mit großen Träumen in die Glitzerstadt kam; und Charlie Manson, gescheiterter Möchtegern-Musiker, der einen unberechenbaren Hippie-Kult um sich geschart hat. Auch wenn sie es noch nicht ahnen: Sie alle sind Teil einer Zeit, die das Ende der Unschuld Amerikas einläutet …

„Wenn New York die Stadt ist, die niemals schläft, dann wird Los Angeles nachts und in den frühen Morgenstunden wieder zu der Wüste, die es mal war, bevor es mit Beton zugepflastert wurde“

So oder so ähnlich könnte man die reine Handlungsebene von Es war einmal in Hollywood beschreiben, wollte man dem bewusst märchenhaften Anklang des Titels folgen. Natürlich würde man damit weder dieser Romanversion noch dem Film, der 2019 sehr erfolgreich in den Kinos lief, gerecht werden. Eine Art Märchen ist Es war einmal in Hollywood aber schon, Fantasie und wehmütig-nostalgisch verklärter Abgesang auf die Goldene Ära der Traumfabrik zugleich. In Inglourious Basterds schrieb die Macht des Kinos die Geschichte um und triumphierte über den Faschismus; hier bedeutet sie Heilung und Läuterung für Menschen, die sonst verloren durch ihr Leben wandeln würden. Besonders Rick Dalton, dessen Ego von der Hollywood-Maschinerie dermaßen aufgeblasen wurde, dass eine Implosion nur eine Frage der Zeit war, hat – trotz seines nicht zu leugnenden Könnens – mit beinahe einfühlsam beschriebenen inneren Dämonen zu kämpfen, bringt es aber immerhin zu seinem Happy End.

Quentin Tarantino, das „enfant terrible“ des zeitgenössischen US-Films, ist dank seines ureigenen, prägenden Stils natürlich längst zur Marke geworden. Umso spannungsvoller erwartet wurde sein erster Ausflug in die Welt der Literatur. Hält man das Romandebut in Händen, drängt sich zu allererst die Frage auf: Wird Tarantino sein cineastisches Erzähltalent in ein völlig anderes Medium übertragen können? Spoiler: Zum Teil.

- „Wissen Sie, George, ich dachte, das wäre eine gute Stelle für eine dramatische Pause. Was meinen Sie?“

- „Herr Dalton … meiner festen Überzeugung nach ist Ihre gesamte Karriere eine einzige dramatische Pause gewesen.“

Erfreulicherweise ist Es war einmal in Hollywood nicht bloß eine platte Kopie des Films in Buchform. Ganz bewusst setzt Tarantino andere Schwerpunkte, fügt neue oder seinerzeit vor der Kinofassung geschnittene Szenen ein, lässt andere weg oder verschiebt sie in den Hintergrund. Das hat Vor- und Nachteile: Die typisch tarantinoesken Gewaltentladungen (in seinem Œuvre oft dramaturgisch essentiell) bleiben fast gänzlich aus, werden aber nicht alle durch entsprechende emotionale Höhepunkte ersetzt. Besonders das Ende dürfte in dieser Hinsicht manchen enttäuschen. Gleichzeitig bietet der Umstand aber vielleicht auch eine Perspektive für diejenigen, die sich ob Tarantinos völliger Missachtung von politischer Korrektheit, seiner oft vulgären Derbheit und seinen brutalen Exzessen immer schon gefragt haben: Warum?

„Because it’s so much fun, Jan. Get it!”

Die Charaktere allerdings profitieren von dieser Entwicklung. Zwar sind sie nur selten sympathisch (denn mag die Gewalt auch ausbleiben, derb ist das Buch auf alle Fälle!), dürfen aber mehr Facetten zeigen, die im wuchtigen, visuellen Spektakel des Films eher untergehen. Dies gilt allen voran für Sharon Tate. Dass die Schauspielerin überhaupt in die Handlung eingebaut wurde, war für manche pure Geschmacklosigkeit; andere waren der Ansicht, dass Tarantino sie ein wenig vom Schatten ihres furchtbaren Endes entlasten konnte. In jedem Fall hat Margot Robbie ihr im Film zwar eine Aura von Wärme und Lebensfreude verliehen, bekam als Charakterdarstellerin aber recht wenig zu tun. Im Roman erhalten wir endlich mehr Einblick in diese Figur. Das gilt auch für Rick Dalton, besonders in den Sequenzen mit seiner Co-Darstellerin am Lancer-Set, Trudi Frazer – der wohl professionellsten Achtjährigen aller Zeiten. Nur Manson und seine Family ziehen den Kürzeren und werden geradezu überflüssig für die Story – es mag aber auch eine bewusste künstlerische Entscheidung gewesen sein, ihnen weniger Raum zu geben.  

Für die Kenner des Films bleibt es trotz allem schwierig, sich von den augenzwinkernden Darstellungen der Schauspielgrößen Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Co. zu lösen. Zwar liest sich der Roman dynamisch und flüssig und fühlt sich mit seinen pointierten Dialogen und Litaneien von Film-, Fernseh- und Popkulturanspielungen genauso an wie ein Tarantino-Drehbuch (die zum Glück gelungene Übersetzung muss für Stephan Kleiner und Thomas Melle eine echte Herausforderung gewesen sein), trotzdem ist der Regisseur hier nicht in seinem Element. Die Kapitel sind Vignetten, denen ein starkes, übergeordnetes Konzept fehlt, und ohne Tarantinos Händchen für kraft- und stilvolle Bilderzählungen, Pop-Patina und stimmige Soundtracks geht notgedrungen ein wenig des Leinwand-Zaubers verloren. Es könnte ein spannendes Gedankenexperiment sein, sich vorzustellen, wie sein Roman in einer Parallelwelt ankommen würde, in der er sich nicht schon zuvor einen Namen als einer der berüchtigtsten Filmregisseure unserer Zeit gemacht hätte.

Fazit

Es war einmal in Hollywood bietet eine durch und durch interessante Ergänzung zu Tarantinos bittersüßer filmischer Ode an Hollywood. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch das erfrischend reduzierte, schicke Cover mit angedeutetem Sixties-Flair. Sowohl unter Q.T.-Fans als auch denen, die es nicht sind, dürfte das Buch auf geteilte Meinungen stoßen. Dennoch sollten alle, die auch nur ein bisschen neugierig geworden sind, sich diese unterhaltsame und originelle Spätsommerlektüre nicht entgehen lassen.

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