Die Urlauber

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- OT: The Jetsetters

- aus dem Englischen von Christiane Winkler

- HC, 432 Seiten

Couch-Wertung:

75
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Sandra Dickhaus
Eine idyllische Kreuzfahrt mit der Familie? Von wegen …

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Jul 2021

Es hätte so schön werden können: die ganze Familie vereint auf einem Kreuzfahrtschiff Richtung Griechenland. Charlotte, 70 Jahre alt, nimmt an einem Schreibwettbewerb teil und gewinnt überraschend. Der Hauptpreis ist eine Kreuzfahrt mit ihrer Familie durch Europa. Schon von Beginn an ist klar, dass sich sowohl die Mutter von ihren Kindern als auch die Geschwister untereinander entfremdet haben. Dies könnte die einmalige Chance sein, alle wieder zu vereinen. Doch ob das so einfach geht ..?

Die Figuren werden vorgestellt

Lee, Charlottes älteste Tochter, ist pleite, hat eine gescheiterte Karriere hinter sich und lernt so manchen Mann kennen, der sie enttäuscht. Cord, trockener Alkoholiker, muss den Versuchungen an Bord widerstehen, was ihm allerdings aufgrund des präsenten Champagnervorrats nicht gelingt. Zudem funktioniert es für ihn nicht, seiner Familie zu offenbaren, dass er in einer Beziehung ist – mit einem Mann. So fühlt er sich immer genötigt, in die Rolle eines Heterosexuellen zu schlüpfen, den er den „Ferien-Cord“ nennt. Regan hat Probleme in ihrer Ehe; ihr Mann scheint nicht treu zu sein, sie sehnt sich nach Entspannung und einer harmonischen Reise. Das zeigt: Jeder bringt seine eigenen Probleme und Wehwehchen mit an Bord, vor denen man doch eigentlich mal eine Weile fliehen wollte. Die Familienmitglieder haben ständig das Gefühl, anders sein zu müssen, als sie eigentlich sind, da jeder seine eigene Funktion innerhalb des Gefüges hat. Doch dass die Zeit auch dieses Gefüge durcheinander gebracht hat, müssen sie erstmal erkennen.

Charlotte, das Oberhaupt der Familie

Der Roman beginnt mit einem Rückblick ins Jahr 1983, als die Familie noch komplett war - mit Vater, Mutter und Kindern - und schildert eine eindrückliche Szene aus dem Alltag. Zunächst bekommt man einen Einblick in Charlottes Gedankengänge, die mit ihren 70 Jahren doch nur noch wenig Zugang zu ihren Kindern hat und in Erinnerungen schwelgt. Allerdings wird auch im Laufe der Handlung deutlich, dass sie - vor allem auch als eiserne Katholikin - die Wahrheiten und Veränderungen nicht sehen möchte und die Augen verschließt. Besonders liebevoll oder mitfühlend erlebt man sie nie. Man hat das Gefühl, sie kommt nicht mehr richtig in das Familienleben hinein, kann ihre Kinder nicht verstehen und vertritt sehr ihre eigene Meinung. Das macht sie nicht besonders sympathisch; die kurzen Momente der Nähe wirken somit eher aufgesetzt. Sie kocht doch ihr eigenes Süppchen!

Einfache, angenehme Sprache macht Roman flüssig lesbar

In einfacher, angenehmer Sprache werden die Erlebnisse, Gedanken und Gefühle der einzelnen Figuren geschildert. Die Erzählweise bietet einen Einblick aus unterschiedlichen Perspektiven - so ist man als LeserIn immer bestens informiert, im Gegensatzl zu den Figuren untereinander. Hierfür hat die Autorin aber nicht die Ich-Perspektive gewählt. Die Protagonisten sind überwiegend sympathisch gezeichnet, aber man hat das Gefühl, dass trotz der tiefgreifenden Thematik nur an der Oberfläche gekratzt wird. Etwas mehr Tiefgang hätte der Handlung nicht geschadet. Einen echten Zugang zu den Figuren zu finden ist nicht einfach - vielleicht auch gerade deswegen.

Fazit

Ein Roman, in dem die Urlaubsstimmung durch diverse Verwicklungen, Geheimnisse und Konflikte gebrochen wird - wer also eine typische Reisegeschichte vermutet, wird enttäuscht. Es geht um das Aufbrechen alter Wunden, die Bewältigung eingespielter Verhaltensweisen und das Finden des eigenen Ichs.

Die Urlauber

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