Bergland

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 288 Seiten

Couch-Wertung:

95
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Carola Krauße-Reim
Drei Generationen hartes Bergbauernleben

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Jul 2021

Jarka Kubsova war bis jetzt Journalistin, Ghostwriterin und Co-Autorin mehrerer Sachbücher. Mit Bergland legt sie ihr Debüt als Romanautorin vor – und das auf sehr eindrucksvolle Weise!

Vom 2. Weltkrieg bis heute

Jarka Kubsova erzählt die Geschichte von drei Generationen auf dem Innerleit, einem hoch oben an der Anbaugrenze für Korn gelegenen Berghof in Südtirol. Rosa lernt von Kindesbein an, was es bedeutet, einen Hof in dieser Höhe zu bewirtschaften. Im Zweiten Weltkrieg ist sie gezwungen, alleine zurechtzukommen, und nach dem Krieg wird es auch nicht besser - doch jetzt kommt noch die Rolle als Mutter dazu. Sepp, ihr Sohn, will den Hof modernisieren und die Arbeit für die Bewohner dadurch erleichtern. Er sattelt komplett auf Milchvieh um, verringert die körperlichen Anstrengungen, doch auch das rettet seine Ehe nicht. Franziska, Frau von Sepps Sohn Hannes, ist mit den Problemen einer Bergbäuerin in unserer Zeit konfrontiert: Familie mit mehreren Kindern, Hof, Feriengäste, und alle fordern ihr Recht - da bleibt sie als Person auf der Strecke. Doch sie hält durch, bis sie einfach nicht mehr kann. Und wieder müssen die Bewohner des Innerleit sich der ewigen Frage stellen: gehen oder bleiben?

Eingehende Recherche ist dem Text anzumerken

Sieben Monate lang war ein Berghof im Südtiroler Ultental die Heimat von Jarka Kubsova. Sie konnte teilnehmen am Leben der Einheimischen; hat bei der anstrengenden Arbeit mit angepackt und ohne zeitlichen Druck Erfahrungen, Wissen und Geschichten sammeln können. Dabei war ihr vor allem die Rolle der Frauen auf den Höfen wichtig, denn sie sind der Schnittpunkt aller Aktivitäten. Die eingehende Recherche hat dem Text eine sehr intensive und glaubhafte Atmosphäre verliehen, die sich nicht nur auf die auf die Örtlichkeit, sondern vor allem auf das Zusammenleben der Menschen erstreckt.

Rosa, Sepp, Franziska und der Innerleit

Der Autorin ist die Figurenzeichnung über drei Generationen hinweg eindrücklich gelungen. Rosa ist noch ganz in der jahrhundertealten Tradition der Bergbauern aufgewachsen. Sie will keinen Fortschritt, verzichtet und schuftet bis zum Umfallen und stellt ihre traditionelle Rolle als Frau nicht in Frage. Sehr glaubhaft beschreibt Kubsova diesen starken Charakter, der nie aufgibt, sich nie beklagt. Nur zwischen den Zeilen und ganz selten explizit kommt ihre Verzweiflung durch, dem Kind nicht gerecht zu werden, ihm nicht ausgiebig genug die tiefe Liebe zeigen zu können, die sie unausgesprochen für Sepp empfindet. Der Hof geht vor, denn er versorgt sie und er muss erhalten werden. Dem Innerleit-Hof wird damit eine eigene, sehr deutliche Persönlichkeit gegeben – er ist der vierte Protagonist. Wie ein eigenständiges Wesen fordert er immerwährende Aufmerksamkeit, jede Nachlässigkeit rächt sich sofort und hat weitreichende Konsequenzen für seine Bewohner. Das zieht sich durch die ganze Geschichte; er verändert seine Bedürfnisse nie. Auch Rosas Sohn Sepp muss sich zwangsläufig mit dem Innerleit auseinandersetzten. Seine Wünsche und Sorgen zeigen die Spannungen zwischen Mutter und Sohn, aber auch zwischen Bauer und Hof, denn nicht alle Optimierungen sind auch optimal für Land und Vieh. Auch sein Charakter zwischen der Liebe zur Mutter und dem Drang nach Veränderungen und der später folgenden Verbitterung ist glaubhaft gezeichnet und mit Sicherheit so auf manchem Hof zu finden. Genauso wie Franziska, die erst den Spagat zwischen Hof und Dissertation versucht, bald aber einsehen muss, dass Bäuerin ein Fulltimejob ist, der sie als „unbezahlte Mitarbeiterin in einem landwirtschaftliche Betrieb“ enden lässt. Ihr Schicksal als „verheizte Bäuerin“ wird von Kubsova sehr eindringlich beschrieben. Das Geld ist immer knapp, und wieder müssen Optimierungen vorgenommen werden, die zusätzliche Arbeit bringen. Zwar hat sich das Selbstverständnis der Frauen, wie bei Franziska, geändert, doch umso schmerzlicher ist dadurch der Verlust über die Kontrolle des eigenen Lebens und die Aufgabe sämtlicher persönlicher Träume. Gerade die beiden Frauenschicksale im Roman berühren durch ihre glaubhafte und lebensnahe Darstellung sehr, denn ihre Arbeit und Selbstaufgabe werden nie gerecht gewürdigt.

Ein Berghof im Wandel der Zeit

Neben den ausgezeichnet erarbeiteten Charakteren ist das Setting ein weiteres Plus des Romans. Nicht nur die Atmosphäre auf dem Hof während der Jahreszeiten ist greifbar, auch die Einsamkeit und die Nähe der Bewohner zur Natur. Kubsova erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sondern springt ständig zwischen den Perspektiven und somit zwischen den Zeiten. Damit hält sie die Erwartungshaltung des Lesers immer hoch, denn erst zum Schluss sind die Schicksale auserzählt. Auf hohem sprachlichen Niveau wird vom bäuerlichen Selbstverständnis gesprochen, das dem Wandel vom stolzen Berghof-Besitzer hin zum vom Tourismusverband „Goldenes Huhn“ streng überwachten Feriendomizil-Manager für gestresste Städter geopfert wird. Leider ist dieses Niveau zwar sprachlich, aber nicht inhaltlich bis zum Schluss gelungen, der eindeutig Schwachpunkt des Romans ist. Denn allzu schnell lösen sich die Probleme in einer rosaroten Wolke auf, die der ansonsten glaubhaft erzählten und eindringlichen Geschichte einfach nicht gerecht wird.

Fazit

Mit ihrem Romandebüt Bergland ist Jarka Kubsova eine ebenso sprachlich wie atmosphärisch dicht erzählte Familiensaga gelungen. Nicht nur Südtirol-Fans dürften an dieser eindrücklichen Geschichte Gefallen finden, die sich vor allem auf die Frauen des Innerleit-Hofes konzentriert und vielleicht so nebenbei noch so manchem Urlauber den Spiegel vorhält.

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