Das Auktionshaus: Der Glanz Londons

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 400 Seiten

- Bd. 1

Couch-Wertung:

89
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Julian Hübecker
Zwischen Krieg und Opulenz

Buch-Rezension von Julian Hübecker Sep 2021

Sarah wächst in ärmlichen Verhältnissen in Soho auf, als sie die Möglichkeit bekommt, bei Lady Sudbury als Gesellschafterin anzufangen. Dies ist ihre Chance, sich eine bessere Zukunft aufzubauen. Doch sie muss gegen etliche Widerstände ankämpfen, und auch der nahende Erste Weltkrieg macht alle zusehends nervös. Kann Sarah sich behaupten und ihren Platz in der Gesellschaft finden?

„Das Gesicht der Lady hellte sich auf. Große blaue Augen richteten sich auf Sarah. Obwohl Gwendoline Sudbury amüsiert wirkte, glaubte Sarah, eine Spur Melancholie in ihrem Blick zu lesen.“

Sarah ist Lady Sudbury auf ewig dankbar, denn sie hat in ihr etwas gesehen, das vielen in den armen Vierteln Londons fehlt: die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Insbesondere Sarahs Blick für das Besondere, das Einzigartige fällt alsbald nicht nur der Lady auf. Sie ergattert einen begehrten Job als Sekretärin im Auktionshaus Varnham’s, das auch über London hinaus einen sehr guten Ruf genießt.

Von nun an führt Sarah ein Leben zwischen verschiedenen Welten: Einerseits geht sie völlig in ihrer Arbeit auf und genießt die unbeschwerten Stunden mit Lady Sudbury, andererseits sorgt sie sich um ihre Mutter und vielen Geschwister, die unter dem tyrannischen Vater zu leiden haben. Immer wieder besucht sie ihre Familie, die ihr jedoch zunehmend fremd wird.

Doch Sarah lässt sich nicht unterkriegen, sondern tritt selbstbestimmt auf und repräsentiert damit das Bild einer emanzipierten Frau, der Missgunst und Neid gleichermaßen entgegengebracht wird; man wartet nur auf einen Fehler von ihr. Da kann sie es gar nicht gebrauchen, dass Charley, ihr Kindheitsfreund, ihr ständig Avancen macht und aufdringlich wird. Gleichzeitig hat sie ihr Herz an den Fotografen Philip Maynard verloren, der zwar ihre Liebe erwidert, jedoch bereits eine arrangierte Ehe eingegangen ist. Sarah muss sich entscheiden, in was sie ihre Energie investiert – die Liebe oder ihre Karriere?

Eine vielfältige Reise durch die 1910er Jahre

Zeitlich ordnet sich das Buch in eine sehr ambivalente Epoche Deutschlands: beginnend 1910, wo ein Krieg noch undenkbar erscheint, über die Kriegsjahre hinweg bis Ende des Jahrzehnts, in dem auch London seine Wunden lecken muss und einige Einbußen zu ertragen hat. Gleichzeitig florieren die Geschäfte in den Auktionshäusern, weil sich die Menschen nach Überfluss und Schönheit sehnen. Frauen indes nehmen vielfach die Stellungen der Männer ein, denn viele sind von den Schlachtfeldern nicht zurückgekehrt.

So gelingt es auch Sarah, im fiktiven Auktionshaus Varnham’s aufzusteigen und sich einen Namen zu machen. Ihre Talente sprechen für sich und ihr Zeitgeist beeindruckt Männer und Frauen gleichermaßen. Diese Entwicklung von der kleinen, grauen, ärmlichen Maus zur selbstbewussten jungen Frau, die zu träumen wagt und stetig über sich hinauswächst, gelingt überzeugend. Im Laufe ihrer Geschichte begegnet sie vielen verschiedenen Menschen, wodurch ein natürlicher Fluss entsteht, der eine lebendige Erzählung bietet und den Leser förmlich hineinzieht.

Spannend wird das Buch vor allem, weil es nicht so geradlinig ist, sondern mit den damaligen Ereignissen spielt und sie für sich nutzt. Diese Gesamtkomposition ist es, die nicht nur irgendeine Story über ein talentiertes Mädchen erzählt, die für mehr gemacht ist, sondern eine Geschichte, die die Vergangenheit lebendig werden lässt.

Fazit

Der „Glanz Londons“ wird souverän wiedergegeben. Man darf eine junge Frau begleiten, die die Veränderungen der 1910er Jahre erkennt und sich daran anpasst, ohne sich selbst untreu zu werden. Fantastisch und überzeugend geschrieben!

Das Auktionshaus: Der Glanz Londons

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