Stunden des Aufbruchs

Erschienen: Juli 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 480 Seiten

Couch-Wertung:

84
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Julian Hübecker
Ein Hauch vom Glanz der 50er

Buch-Rezension von Julian Hübecker Jul 2021

Charlotte ist Kriegswaise und kommt bei ihrer Tante und ihrem Onkel unter. Doch sie fühlt sich dort ausgenutzt und wird zudem vom Onkel belästigt. Darum flieht sie und trifft schließlich auf den amerikanischen Soldaten Timothy. Die stürmische Liebe überrascht Charlotte sehr, doch als er ihr einen Job im Tanzclub „Midnight“ vermittelt, verschieben sich ihre Prioritäten. Hat die Liebe da noch eine Chance?

„Vera ist aus der Welt gefallen. Sie ist aus der Welt gefallen und mitten in dieses Meer hinein, das wir Berlin nennen. Und ihr Schiff, das ist das Midnight.“

Im Jahr 1951 sind die Berliner noch immer mit dem Wiederaufbau der Stadt beschäftigt, doch überall erblühen die Geschäfte, Clubs und Lokale. So auch das Midnight, geführt von der geheimnisvollen Vera, die jedoch mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Da alkoholische Getränke noch teuer sind, kauft sie bei Leuner ein, einem zwielichtigen Gesellen, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Doch Vera hat keine Wahl und lässt sich auf einen Handel ein. Leuner wittert im Midnight ein großes Geschäft, hat aber er die Rechnung ohne die taffe, verführerische Vera gemacht, die sich gegen Männer zu behaupten weiß.

Von diesem Selbstbewusstsein ist Charlotte meilenweit entfernt. Als ihr Onkel sie vergewaltigen will, schlägt sie ihn nieder und flieht. Sie wird von Timothy aufgegriffen. Da sie noch nicht volljährig ist, muss sie bei der Polizei gemeldet werden. Der amerikanische GI erkennt die verzweifelte Lage der jungen Frau und nimmt sie bei sich auf. Zwischen den beiden knistert es gewaltig, und erstmals seit dem Tod ihrer Mutter verspürt Charlotte Geborgenheit.

Timothy genießt die Zweisamkeit, doch treibt ihn auch der Mord an einem Soldaten um. Er verdächtigt Leuner und weiß, dass dieser oft im Midnight verkehrt. Charlotte, die ihm für ihre Rettung einiges zurückgeben will, geht auf Timothys Idee ein, im Midnight anzufangen, um Leuner nachzuspionieren. Was jedoch als naive Ermittlungsarbeit beginnt, wird schließlich zu einem Befreiungsschlag für die junge Frau.

„So muss das Fliegen in einem Gewitter sein, dachte Charlotte. Hinwegtragen von Blitz und Donner. Herumwirbeln und kein Oben und kein Unten. Kein Korea, kein Stalin, keine Angst. Nur Leben.“

Nina Konstantin entführt in die aufblühenden 50er-Jahre - eine Zeit, die voller Hoffnung, aber auch Unsicherheit steckt: Der von den Sowjets besetzte Ostteil der Stadt grenzt sich von den Freiheiten Westberlins ab. Gerüchte um einen neuen Krieg machen die Runde, aber auch um eine klare Abgrenzung der beiden Stadtteile. Die gesellschaftliche Ambivalenz wird überzeugend vermittelt, und in jene Zeit passen die unterschiedlichen Frauen hervorragend hinein.

Besonders schön ist zu sehen, wie sie voneinander profitieren, wobei Vera die schillerndere Persönlichkeit ist. Über ihre Vergangenheit weiß man wenig, nur, dass sie im Krieg eine Rolle gespielt hat und in Frankreich verkehrte. Mehr wird man wohl erst im nächsten Band erfahren, doch es reicht, um ein Bild von einer unabhängigen, selbstbewussten Frau zu zeichnen, die jedoch auch ihre schwachen Momente hat – auf ihre ganz eigene, spezielle Art. Vera muss man für ihre fast schon verrückte Art lieben. Charlotte steht dabei ziemlich in ihrem Schatten und findet nur langsam einen Weg hinaus.

Wenngleich das Buch überzeugend geschrieben ist und sich mit aufbauender Spannung entwickelt, kämpft es doch mit seinen Längen. Über lange Zeit bleibt das Midnight unter seinen Möglichkeiten, dümpelt Charlotte eher vor sich hin, anstatt ihren Platz dort zu finden. Dann jedoch freut man sich über jegliche Neuanfänge – ob nun die des Midnight oder die, die Charlotte schafft.

Fazit

Dieses Buch bringt den Glanz der 50er Jahre mit, ohne die gesellschaftlichen Zwänge jener Zeit zu untergraben. Charlotte und Vera sind genau die richtigen Frauen, um die gewünschte Stimmung zu bringen.

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