Der heilige King Kong

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Deacon King Kong

- aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence

- HC, 448 Seiten

Couch-Wertung:

65
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Sabine Bongenberg
Hier werden sich die Geister scheiden

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mär 2021

Diakon Cuffy Lampkin ist eigentlich niemand, der auch nur einer Fliege etwas zu Leide tun kann. Sicher – seit dem Tod seiner Frau Hetty ist er ein bisschen eigen geworden und die Weihnachtskasse, die sie verwaltete, konnte auch nicht wieder gefunden werden, aber sonst läuft der ehemalige Baseballtrainer der Jugendmannschaft unter „Eigenwilliges Original“. Was also bringt ihn dazu, Deems Clemens, den bekanntesten Drogendealer seiner Nachbarschaft, mit einem gezielten Schuss niederzustrecken? Der Diakon  – in seinem Viertel unter dem Namen seines bevorzugten Kleidungsstücks „Sportcoat“ bekannt – selbst kann nicht viel zum Tatgeschehen beitragen, ist seine Erinnerung daran doch wie weggewischt. Aber das ist nicht das einzig Eigenartige, was sich in der kleinen Gemeinde Five Ends in New York zuträgt: Da ist das Rätsel des wundersamen Käses, einer kleinen, pummeligen Venus von Willendorf, von Feuerameisen, Mondblumen, einer verschwundenen Weihnachtskasse, einsamen Gangstern und noch vielem mehr …

Wer einmal ein bisschen zum Heiligen King Kong googelt, erfährt alsbald, dass es sich wohl um Barack Obamas Lieblingsbuch handelt. Da ich den amerikanischen Ex-Präsidenten sehr schätze, möchte ich bei der Besprechung dieses Buches betonen, dass Geschmäcker nun eben doch unterschiedlich sind. Immerhin bin ich mit dieser Aussage nicht ganz allein - denn offensichtlich hat nicht einmal der Autor des Klappentextes der deutschen Ausgabe das Buch gelesen, denn wenn hier behauptet wird, dass Diakon Lampkin unter dem Spitznamen „Diakon King Kong“ firmiert, so stimmt das mit einer einzigen Ausnahme (wenn auch in einer Schlüsselszene) nicht. Unter dem Begriff „King Kong“ ist im Buch vielmehr ein weißer Selbstgebrannter – ein mehr oder weniger handelsüblicher „Weißer Blitz“ – zu verstehen, der übrigens gefühlt in jedem Kapitel ausgiebig konsumiert wird.

“Junge Mädchen, die ihm einst zugewinkt hatten, waren zu unverheirateten, drogenabhängigen Müttern geworden.“

James Mc Bride führt die Leser in eine kleine Community schwarzer US-Amerikaner am Ende der Sechziger Jahre und liefert damit auch einen Abgesang auf diese Zeit. Die Ära der großen gemeinsamen Taten, der Nachbarschaft, der folgenlosen Besäufnisse, der harmlosen Säufer und der aufrichtigen Gangster sind vorbei. Jetzt stehen Eigennutz, Anonymität und Drogenmissbrauch vor der Haustüre und schaffen damit eine eigene, neue Sklaverei. Mitten darin begehren die letzten verbliebenen Originale - Diakon „Sportcoat“, sein Kumpel und Hausmeister „Hot Sausage“, der italienische Schmuggler Thomas G. Elefante, dessen eigenwillige Mutter und der natürlich irische Cop Potts (alles alte Herrschaften, die samt und sonders kurz vor der „Rente“, oder möglicherweise vor ihrer letzten Reise stehen) - auf und versuchen noch einmal ihre Geschichte zu erzählen. Es ist dabei Ansichtssache, ob der Leser jetzt von dieser Erzählung begeistert ist oder nicht. Ehrlich gesagt, bin ich mir sicher, dass es sich bei diesem Buch um Literatur handelt – andererseits weiß ich auch ganz genau, dass sie mir auf weiten Strecken nicht zugesagt hat. Für meinen Geschmack traten viel zu viele Personen mit eigenartigen Spitznamen auf und stürzten mich immer wieder in Verwirrung. Es half ein wenig, selbst wenn man schon auf Seite 150 angekommen war, noch einmal zurückzublättern. Schwierigkeiten hatte ich auch mit der Kombination der Kapitel, bei denen ich manchmal fast den Eindruck hatte, dass jedes für sich eine eigene Geschichte erzählt und mit den anderen nicht im unmittelbaren Zusammenhang steht.

„Selbst im Wasser konnte Deems den Schnaps riechen. Und den Mann. Den Körpergeruch eines alten Sonntagschullehrers, der ihn einst beim warmen Holzofen in der Five Ends Baptist auf dem Schoß gehabt hatte, einen weinenden Neunjährigen mit nasser Hose, weil seine Mutter zu besoffen war, um zur Kirche zu gehen, und ihn in seinen nach Pisse riechenden Sonntagssachen allein hingeschickt hatte …“

McBride erzählt die Geschichte der schwarzen Community in der kleinen, aus Schwarzen, Iren, Italienern und Puertoricanern zusammengewürfelten Siedlung Five Ends. Sein Held ist ein gutmütiger, alkoholabhängiger Kirchenmann, der in seiner Freizeit Jugendliche beim Baseball trainierte, feststellen musste, dass einer seiner Jungs ins Drogenmilieu abgedriftet war und auf seine eigene Weise versucht, dessen Leben doch noch eine neue Richtung zu geben. Grundsätzlich wäre das mehr ein Stoff für ein Drama und sicher nicht für eine Komödie. Aus der letzteren trägt das Buch meiner Meinung nach zu wenige Züge, wenn auch beispielsweise die Erzählung über den Killer, der bei der Suche nach seinem Opfer von einem Unglück ins nächste stolpert und dabei immer kaputter wird, sicher komische Ansätze trägt. McBride kann aber  manchmal mit nur wenigen Sätzen berühren - so zum Beispiel als er erzählt, dass der alte Sportscoat und seine Frau sich aus reiner Gutherzigkeit um einen kleinen Jungen kümmerten, den seine alkoholabhängige Mutter mit besudelten Kleidern in die Sonntagsschule schickte, nur um ihn los zu sein, und aus dem zum Schluss dann doch ein Dealer wurde.

“Ich hab den Schnaps meiner Mondblume vorgezogen.“

Dennoch -  bis zum Kapitel 20 war ich für jede Seite dankbar, die ich wieder hinter mich gebracht hatte. Dann schlug ich die erste Seite von Kapitel 21 auf, und plötzlich änderte sich alles: Sportscoat Lampkin hörte auf zu saufen – und das schien auch auf den Autor einen massiven Eindruck zu haben. Denn plötzlich machten seine Erzählungen 1.) Sinn, 2.) Spaß und 3.) fragte ich mich: Warum erst jetzt? Die letzten neunzig Seiten bis zum Abschluss sorgten für die spannende Lektüre und auch für die berührenden Momente, die ich mir schon längst erhofft hatte. McBride erzählt seine Geschichte zu Ende; nicht jedes Geheimnis wird aufgeklärt und nach wie vor bin ich der Meinung, dass dem Buch ein paar Kürzungen nicht geschadet hätten. Aber es ist halt wie mit dem Jazz: Die einen mögen ihn, die anderen nicht.

Fazit

James McBride stellt ein buntes Kaleidoskop von Personen und Geschichten aus der kleinen Gemeinde der „Five Ends Baptist Church“ aus dem Ende der Sechziger Jahre vor. Viele werden die Geschichten um die alltäglichen Probleme kleiner – aber dennoch besonderer - Leute und altmodischer Originale lieben. Mir waren sie über viele Seiten zu verwickelt, zu verworren, zu durcheinander. Aber ich mag auch keinen Cool-Jazz - andere lieben ihn.
 

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