Die Wahrheit der Dinge

Erschienen: April 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 240 Seiten

Couch-Wertung:

85
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Sandra Dickhaus
Kann man noch objektiv bleiben, wenn man jeden Tag Straftaten beurteilen muss?

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Mai 2021

Was ist wahr? Was ist gerecht? Gibt es eine Grauzone zwischen Moral und Justiz? All diesen Fragen muss sich der Leser stellen, wenn er sich auf den Plot dieses Romans einlässt. Der Autor weiß, wovon er schreibt - denn er ist als Rechtsanwalt selbst in der Welt der Justiz zuhause. Als Inspiration hat er zwei wahre Fälle herangezogen und verbindet diese mit Fiktion.

Thiele zeichnet das Bild eines strengen, hart arbeitenden Strafrichters, der nach einem heftigen Rechtsspruch in die Kritik gerät. Zum ersten Mal wendet sich seine Familie von ihm ab, seine Frau und die Kinder ziehen aus und er bleibt allein zurück - allein mit sich und seinen immer intensiver werdenden Gedanken, die auch eine Renovierung seines Hauses nicht stoppen kann. So muss er sich seinen inneren Dämonen stellen und beginnt, einen Weg für sich zu finden, der aber steinig ist und Höhen und Tiefen beinhaltet. Vor allem die harsche Abfuhr seiner Frau, er sei selbstherrlich, reißt tiefe Wunden.

Frank Petersen beginnt, sich mit einem alten Fall zu beschäftigen, der ihn nicht loslässt: Im Gerichtssaal erschoss eine Frau, Corinna Maier, am letzten Verhandlungstag den rechtsextremistischen Mörder ihres Sohnes – und das bevor Petersen sein Urteil verkünden konnte. Um mit diesem einschneidenden Ereignis klarzukommen, beschließt er nach all den Jahren, Corinna Maier aufzusuchen und ihre Geschichte anzuhören. Nur eine Konfrontation kann ihm scheinbar helfen, seine Wunden heilen zu lassen.

Frank Petersen ist ein fleißiger Familienvater, der seine Arbeit für Gerechtigkeit lange Zeit über das Zusammensein mit seiner Familie stellt. Diese Lebensphilosophie wird ihm irgendwann um die Ohren fliegen. Genau diesen Zeitpunkt erlebt der Leser hautnah mit: Man lernt den Strafrichter erst kennen, als seine Frau ihn verlassen hat, er allein im Haus lebt und sich all den unangenehmen Fragen stellen muss, die sich aufgestaut haben ...

Zwei unterschiedliche Erzählsichten: Richter und Täterin

Kapitel für Kapitel ändert sich die Erzählsicht: Man taucht ein in das momentane Leben des Richters im Jahre 2015 und erlebt den Beginn des Studiums der Täterin Corinna ab dem Jahre 1989 mit. So lichtet sich so langsam das Dunkel, denn umso mehr man vom Leben der verurteilten Frau, die den Mörder ihres Sohnes im Gerichtssaal erschoss, erfährt, umso besser kann man sich in die Geschehnisse einfühlen. Vor allem wird deutlich, dass Rechtsextremismus an der Tagesordnung zu sein scheint, die Hautfarbe wohl doch eine Rolle spielt und Ungerechtigkeit tiefen Schmerz verursachen muss. So verliebt sich Corinna in jungen Jahren in einen dunkelhäutigen Mediziner, den sie abgöttisch liebt, aber auch mitbekommt, wie schwierig es ist, sich der Vorurteile zu entledigen; dieser wird nämlich im Jahre 1990 zu Tode geprügelt. 20 Jahre später muss sie das Gleiche noch einmal bei ihrem Sohn miterleben - kaum auszuhalten! Im Laufe der Handlung führt die Zeit die beiden Hauptfiguren, den Strafrichter und die verurteilte Mörderin, zusammen.

Ein innerlicher Spagat zwischen Verständnis und Sinn nach Gerechtigkeit

Tiefgründig entsteht ein innerlicher Spagat zwischen dem (erschreckenden) Verständnis für Selbstjustiz und dem Sinn nach Gerechtigkeit durch legitime Rechtsprechung. Von der ersten Seite an fesselt dieses Szenario und bringt jeden Leser an seine eigenen moralischen Grenzen: Was ist gerecht? Was ist objektiv? Was kann ein Mensch aushalten, ohne verrückt zu werden? Der Autor hat als Aufhänger zwei reale Rechtsfälle einbezogen, nämlich den der Marianne Bachmaier, die 1981 den Mörder ihrer Tochter im Gericht erschoss, und den rechtsextremistisch motivierten Todesfall des Amadeu Antonio Kiowa, der von brutalen Schlägern in Eberswalde ermordet wurde.

Fazit

Auch ohne einen real inspirierten Hintergrund würden die Ereignisse des Romans tief erschüttern: Ein Richter, der immer an seine eigene Objektivität glaubt, wird mit seiner doch nicht so existenten Unfehlbarkeit konfrontiert und arbeitet ein fünf Jahre zuvor liegendes Trauma auf; und eine Frau, die tiefen Schmerz über die ausländerfeindlichen Morde an den wichtigsten Menschen in ihrem Leben empfindet und keinen anderen Ausweg als die Selbstjustiz weiß. Jeder, der sich damit konfrontiert sieht, muss nun entscheiden, was Gerechtigkeit ist und wer sie letztendlich auf welche Weise auch immer ausüben darf.

Die Wahrheit der Dinge

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