Die Frauen von Kopenhagen

Erschienen: April 2021

Bibliographische Angaben

- OT: En uretfærdig tid

- aus dem Dänischen von Lotta Rüegger & Holger Wolandt

- TB, 448 Seiten

Couch-Wertung:

73
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Monika Wenger
Dänemark im späten 19. Jahrhundert ...

Buch-Rezension von Monika Wenger Mai 2021

In der Tuchfabrik Ruben in Kopenhagen arbeiten die Menschen unter katastrophalen Arbeitsbedingungen; schlechtes Material und hochgiftige Färbemittel sind lebensgefährlich für die Angestellten. Nach dem Arbeitsunfall ihrer Schwägerin Marie ist Nelly Hansen aufgefallen, dass sich niemand verantwortlich fühlte. Die Verunfallte wurde einfach in ein Lager abgelegt und liegengelassen. Obwohl Nelly sie letztendlich in ein Armenkrankenhaus bringen kann, erliegt Marie ihren schweren Verletzungen. Der Arbeitgeber will keine Entschädigung an die hinterbliebene Familie leisten; die Schuld am Unfall liege bei Marie. Nelly weiß aber, dass die Firma versucht, den Vorfall zu vertuschen, denn ein Treibriemen ist infolge von Abnutzung gerissen - eindeutig eine Vernachlässigung des Materials. Nellys Nachforschungen und der Kampf für Maries Familie enden abrupt: Sie wird in ihrer Wohnung, gemeinsam mit ihrem Freund Johannes, brutal zusammengeschlagen. Als Johannes aus der Bewusstlosigkeit erwacht, ist er bereits tatverdächtig und wird festgenommen.

In Jütland, der Heimat Johannes’, steht es schlecht um den elterlichen Hof: Anna, Johannes Schwester, soll deshalb den reichen Nachbarssohn Peder heiraten. Das würde dem Vater sein Altenteil sichern und Johannes’ und Annas Bruder Harald könnte den Hof übernehmen und mit Hilfe Peders modernisieren. Anna sträubt sich gegen die Heirat, möchte aber eigentlich Vater und Bruder versorgt wissen. Dann trifft die Meldung von der Verhaftung Johannes’ ein, und Anna macht sich auf den Weg nach Kopenhagen, um sich für die Freilassung ihres Bruders einzusetzen. Es wird für sie ein Kampf ums nackte Überleben: Kopenhagen ist laut, schmutzig, verdorben und schenkt ihr nichts. Doch Anna gibt nicht auf und setzt alle Hebel in Bewegung, damit sie die Unschuld ihres Bruders beweisen kann. Am Ende führen Nellys Spurensuche in der Tuchfabrik, die entsprechende Dokumentation dazu und Annas Hartnäckigkeit zum Erfolg – und schließlich gar zur Gründung der Frauenbewegung in Dänemark ...

Unmenschliche Arbeitsbedingungen

Die Autorin Gertrud Tinning versteht es ausgezeichnet, die Leserschaft in die Handlung eintauchen zu lassen. Augenblicklich wähnt man sich mit den Protagonisten in den beengten Behausungen Kopenhagens, kämpft mit den Frauen ums tägliche Überleben und leidet unter den Repressalien der Arbeitgeber und der Gesellschaft.

Der Roman beschreibt eindrücklich die Arbeitsbedingungen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die Autorin berichtet zudem über das Leben auf dem Land, fern einer großen Stadt. Dort haben die sich anbahnenden Veränderungen verheerende Folgen für die Landwirtschaft: Sie führen zu Hofübernahmen durch Großbauern; Kleinbauern mit wenig Ackerfläche haben keine Möglichkeit, genug Futter für die Versorgung ihrer Tiere anzupflanzen. Das bedeutet Hunger für Mensch und Tier, Armut, schlussendlich den Verlust von Hab und Gut. Es bleibt vielen nur die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt.

Die Anfänge der Frauenbewegung in Dänemark nimmt nur einen kleinen Teil der Geschichte in diesem Buch ein. Es zeigt aber die Lebensumstände der Bevölkerung, vor allem der Frauen, sehr anschaulich. Spannend erzählt, berichtet es lebendig und vielschichtig von unmenschlichen Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und dem täglichen Überlebenskampf.

Fazit

Eine faszinierende Geschichte über den arbeitsreichen Alltag vor allem der Frauen gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Kopenhagen. Gertrud Tinning nimmt einen Arbeitsunfall in der Tuchfabrik als Grundlage für ihren Einblick in eine Gesellschaft voller sozialer Abhängigkeiten, Ausbeutung und Ungerechtigkeiten. Sie erzählt aber auch von Kämpferherzen und Gutmenschen. Eine spannende und interessante Lektüre.

Die Frauen von Kopenhagen

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