Wallace

Erschienen: April 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 272 Seiten

Couch-Wertung:

58
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Julian Hübecker
Zwei Naturforscher und eine Theorie

Buch-Rezension von Julian Hübecker Mai 2021

Dass Darwin der Vater der Evolutionstheorie ist, ist allgemein anerkannt und akzeptiert. Auch in Schulen wird dies so gelehrt - doch fragt man nach Alfred Russel Wallace, werden viele wohl verwirrt mit dem Kopf schütteln müssen. Was wäre nun, wenn Wallace ebenfalls die Evolutionstheorie entwickelt, Darwin jedoch die Gunst der Stunde genutzt hätte, sie zuerst zu veröffentlichen? Albrecht Bromberg, seines Zeichens Museumswächter, treibt diese Frage um.

„Käfer und Schmetterlinge, erklärte er, dies seien die Dinge, die in den Kisten zuoberst lägen, jeder Einzelne von ihnen aufgespießt auf eine dünne Nadel …“

Albrecht Bromberg arbeitet des nachts im Naturkundemuseum als Wächter. Selbst hier wird Darwin für seine Evolutionstheorie gewürdigt. Doch dann kommt Bromberg der Name Wallace unter - ein Mann, der zur gleichen Zeit wie Darwin gelebt hat und ebenso Expeditionen unternommen hat, um die tropische Tier- und Pflanzenwelt zu erforschen und präparierte Exemplare nach England zu schiffen. Bromberg ist fasziniert von dem Mann und immer mehr der Meinung, dass eigentlich ihm die Ehre zuteilwerden sollte, die stets Darwin bekommt.

Über hundertfünfzig Jahre zuvor arbeitet sich Wallace durch den südamerikanischen Dschungel und sammelt eifrig Käfer, Schmetterlinge, Vögel und allerhand andere Tiere, die er in seinem Heimatland für gutes Geld an wissenshungrige Museen verkaufen kann. Doch auf dem Heimweg geht das Schiff unter; die Fracht ist verloren. Aber sein Forschergeist ist ungebrochen, und so folgt eine großangelegte Expedition zum Malaiischen Archipel, wo er schließlich unabhängig von Darwin seine Evolutionstheorie entwickeln wird, die ihm in einem Fiebertraum erscheint.

Wer ist Wallace?

Anselm Oelze widmet sich in diesem Roman einem großen Mann der Naturgeschichte, dem viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Auf zwei Zeitebenen – in der Gegenwart geht Bromberg der Person Wallace auf die Spur, im 19. Jahrhundert kämpft sich ebendieser durch dichte Regenwälder – erzählt der Autor von Wallace‘ Leben und seinem Nachhall in der modernen Zeit. Dabei wäre Brombergs Geschichte gar nicht nötig gewesen, da das Leben des Naturforschers bereits genügend interessanten Stoff für einen Roman liefert. So kommt es dann auch, dass Bromberg als literarische Figur sehr schnell untergeht und nur wenig Beitrag leistet.

Leider eröffnet sich nach Beenden des Buches nur wenig Einsicht, warum Wallace zu den Großen seinesgleichen gehört. Dass Darwin vor Wallace seine Evolutionstheorie veröffentlichte, ist durchaus eine konfliktträchtige Betrachtung, der man einiges hinzudichten könnte. Allerdings bekommt man beide Forscher nicht wirklich zu fassen; Darwin wird nur selten erwähnt und Wallace (stets bloß als „der Bärtige“ benannt) bleibt sehr oberflächlich. Brombergs Ansporn, Wallace posthum zu mehr Anerkennung zu verhelfen, ist löblich, seine „Lösung“ ist Wallace aber nicht würdig und sehr enttäuschend.

Auch inhaltlich wird wenig vom Entdeckergeist jener Zeit geboten, fachlich bauen sich Fehler ein (so fliegen Lachmöwen an der Küste der Molukken herum, die dort nichts zu suchen haben, und Alligatoren finden ihren Weg in den Amazonas), und auch der Evolutionstheorie als zentrale, schwerwiegende These wird wenig Beachtung geschenkt. Hier muss man sich vorher die Frage stellen, welche Erwartung man an das Buch hat.

Fazit

Dieses Buch wird Wallace nicht gerecht, sondern spricht mehr die Frage an, ob nicht Wallace statt Darwin auf dem Evolutions-Thron sitzen sollte. Dies ist aber nicht der richtige Ansatz, um beide Naturforscher einzuordnen. Vielmehr bleibt eine historische Aufarbeitung eines großen Mannes, die zwar gut geschrieben, aber nicht das ist, was man eventuell erwarten könnte.

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