Die blauen Nächte

Erschienen: April 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Le notti Blu

- übersetzt von Verena von Koskull

- TB, 272 Seiten

 

Couch-Wertung:

93
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Carola Krauße-Reim
Manche Wunden heilen nie

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Jun 2021

Chiara Marchelli wurde in Aosta geboren, lebt jetzt in New York und arbeitet als Übersetzerin und Lektorin. Die blauen Nächte ist, soviel ich weiß, der erste ins Deutsche übersetzte Roman dieser Schriftstellerin. In ihm vereint sie die Ortskenntnisse des Aostatales und New Yorks und zeigt gleichzeitig ihre hohe Professionalität im Umgang mit Sprache. Sehr ausdrucksstark und dennoch flüssig zu lesen erzählt sie dem Leser eine Geschichte, die auf der einen Seite extrem emotional, und auf der anderen distanziert rational ist.

Larissa, Michele und Catarina

Das Ehepaar Larissa und Michele Torre hatten ihren Sohn Mirko, den Ehemann von Caterina – vor fünf Jahren nahm er sich das Leben. Die Wunde ist in den Seelen der drei nicht verheilt, aber verschorft. Doch jetzt findet Caterina den alten Brief eines Anwalts, in dem eine Frau behauptet, mit Mirko einen Sohn zu haben. Das lässt den vergrabenen Schmerz erneut aufbrechen und die Frage nach der Wahrheit aufkommen. Während Larissa und Caterina nur wissen wollen, wie es zu diesem Brief kam und warum danach nichts weiter geschah, will Michele Kontakt zu dem Jungen und seiner Mutter aufnehmen. Damit treibt er einen Keil zwischen sich und die beiden Frauen, seine Ehe droht an diesem Konflikt zu zerbrechen. Michele kann nicht verstehen, dass es für Caterina die maximale Kränkung ist und Larissa darin ein Versagen ihrerseits sieht ...

     „Für dich war ich ja nicht verantwortlich.“

     „Das stimmt nicht, wir haben immer die Verantwortung füreinander getragen ...“

     „Das zählt nicht“, hatte sie erwidert, „dich habe ich nicht zur Welt gebracht.“

Das Leben und die Spieltheorie

Michele ist der Hauptprotagonist in diesem Roman, ihn begleiten wir die meiste Zeit. Er ist Wissenschaftler und lehrt an der Uni von New York die Spieltheorie – ein Modell für rationale Entscheidungssituationen (extrem vereinfacht ausgedrückt). Gerne würde Michele diese wissenschaftliche Herangehensweise auf sein Leben anwenden, doch das funktioniert nicht: Hier können zu viele unvorhersehbare Situationen eintreten – z.B. der Selbstmord des Sohnes. Marchelli lässt diese Theorie immer wieder (manchmal vielleicht etwas zu ausführlich) in den Roman einfließen. Da braucht der Leser schon ein bisschen Durchhaltevermögen. Diesen überaus rationalen Abschnitten stehen die wesentlich emotionaleren Reaktionen der beiden Frauen gegenüber, deren Charaktere von der Sorge um den Sohn und Ehemann - obwohl dieser schon verstorben ist - geprägt sind. Marchelli lässt den Leser in die Köpfe dieser Menschen schlüpfen, zeigt ihre tiefsten Ängste und auch Schuldgefühle. Dabei sind alle Charaktere sehr glaubhaft und realistisch, wobei Mirko der geheimnisvollste ist. In Rückblicken werden Episoden aus seinem Leben ersichtlich, die zeigen, unter welchem Druck er stand. Die Eltern wollten ihn als Überflieger sehen, was er eigentlich auch war - und dennoch hat er ihren Ansprüchen nicht genügt. Was ihn zum Selbstmord getrieben hat, kann man nur erahnen, doch diese Ahnung zeigt die Probleme, die es in dieser Familie gegeben haben dürfte.

Was bleibt von einem Menschen?

Das ist die eine Kernfrage dieses Romans. Reichen Erinnerungen aus, um einen Verstorbenen in der Mitte zu halten, oder braucht es einen Nachkommen mit vererbten Genen? Und was ist, wenn es diesen Menschen gibt, man aber zu ihm bisher keinen Kontakt hatte? Darf man aus ganz egoistischen Gründen in sein Leben eintreten? Das dieses Dilemma unterschiedliche Lösungen hat, zeigen Michele, Larissa und Caterina. Das andere Thema ist die Frage der Trauerbewältigung: Wie gehe ich mit einem persönlichen Verlust um? Kann ich irgendwann wieder zum alten Leben zurückfinden, und darf ich aus Selbstschutz auf der bisher angenommenen Wahrheit beharren? Was sich wie tiefgehende Fragen anhört, wird so spielerisch in die Geschichte eingebaut, dass man sich ihrer erst nach der Lektüre gewahr wird. Doch dann lassen sie so schnell nicht los – der Roman wirkt noch lange nach.

Fazit

Berührend und gleichzeitig unglaublich tiefgründig behandelt Chiara Marchelli die Themen Tod, Verlust und Trauerbewältigung. Der ausdrucksstarke Stil lässt selbst diese schweren Inhalte zu einem angenehmen Lesegenuss werden, der lediglich durch die teilweise sehr ausführlichen Passagen zur Spieltheorie ein wenig ausgebremst wird.

Die blauen Nächte

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