Der Verdacht

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- OT: The Push

- aus dem Englischen von Klaus Timmermann & Ulrike Wasel

- HC, 320 Seiten

Couch-Wertung:

70
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Sandra Dickhaus
Muss man als Mutter sein Kind auf jeden Fall lieben?

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Jun 2021

Blythe ist endlich Mutter geworden. Violet ist das Kind, das sie sich mit ihrem Mann zusammen gewünscht hat. Doch ganz so idyllisch, wie sie es sich ausmalt, fühlt sich das Muttersein für sie gar nicht an. Ihre Unsicherheit weicht irgendwann einer vagen Ahnung: Es ist ihr nicht möglich, eine liebevolle Bindung zu ihrer Tochter aufzubauen. Die Zeit mit der Tochter alleine nervt sie; sie kann es nicht aushalten, wenn sie schreit oder weint, und sehnt die Rückkehr ihres Mannes jeden Tag aufs Neue herbei. Mit der Zeit beginnt sie, zu fühlen, dass Violet sie ablehnt. Auch im Kindergarten ist diese den anderen Kindern gegenüber aggressiv und verletzt sie. Blythes Ehemann kann davon nichts feststellen und hält die Gedanken seiner Frau für unsinnig. Es geht so weit, dass Blythe - besonders wegen ihrer eigenen Kindheitserfahrungen und ihrer missglückten Beziehung zu ihrer Mutter - an sich und ihren Fürsorgefähigkeiten zweifelt. Doch dann wird ihr Sohn Sam geboren, zu dem sie sofort eine intensive Bindung aufbaut und den sie abgöttisch zu lieben beginnt - ein Gefühl, das sie vorher nur vom Hörensagen kannte. So kann sie endlich ein Kind versorgen, wie es eine richtige Mutter ihrer Meinung nach tun sollte. Violet scheint ihren kleinen Bruder auch zu mögen - doch irgendwann beginnt Blythe wieder etwas zu spüren: Ihre Tochter wird immer ärgerlicher, angriffslustiger und rücksichtsloser, als sie bemerkt, dass ihre Mutter Sam ihre ganze Liebe und Wärme zu schenken beginnt. Das kann nicht gut gehen, und so geschieht es: Das Leben aller wird auf den Kopf gestellt und nichts ist mehr, wie es war ...

Schonungslose Einblicke in die Welt fehlender Mutterliebe über Generationen hinweg

Eine harte Lesekost und ein Plot, der für Entsetzen sorgt – so präsentiert sich der Roman der Autorin Ashley Audrain. Aus der Sicht Blythes wird in der Ich-Form erzählt, was geschieht und was in der Vergangenheit geschehen ist - und das ist nicht leicht zu ertragen: Man taucht ein in eine Welt voller fehlender Mutterliebe über Generationen hinweg, gespickt mit Kaltherzigkeit und Ignoranz. Blythe möchte hier ihre Version der Ereignisse schildern, wie sie selbst sagt. Schon zu Beginn ist klar, dass etwas passiert sein muss und dies das Leben aller abrupt verändert hat. Die Rückblicke, die die Protagonistin in ihre Schilderungen mit einfließen lässt, hinterlassen ein Gefühl des Schocks. Ihre Großmutter und ihre Mutter haben ihr ein fatales Erbe mitgegeben: Mutterliebe ist nicht immer erzwingbar. So berichtet sie von den körperlichen und seelischen Wunden, die eine Erziehung und Kindheit in einer Umgebung voller Lieblosigkeit reißt, und davon, wie schwierig es ist, die Narben zu verdecken. Blythe hadert an vielen Stellen mit sich selbst, schildert aber immer distanziert und teilweise viel zu emotionslos. Gerade dies macht es schwieriger, sich ihr anzunähern und vielleicht sowas wie eine Identifikation zuzulassen. Der Schreibstil ist am ehesten als sachlich angehaucht zu beschreiben und zu Beginn gewöhnungsbedürftig – vielleicht, weil Wärme und echte Emotionen fehlen. Natürlich bemerkt man schnell, warum Blythe so handelt und denkt, wie sie es tut - dennoch kommt nie ein wirkliches Gefühl der Sympathie auf; am liebsten möchte man sie aus dem näheren Umfeld verbannen. Fassungslos schaut man zu, was geschieht, kann sogar ansatzweise verstehen, warum, will es aber nicht wahrhaben. Blythe lässt den Leser ohne Wenn und Aber an all ihren Gedanken und Erfahrungen teilhaben - schonungslos.

Fazit

Der Roman lebt davon, dass er Themen aufgreift, die in unserer Gesellschaft tabuisiert sind. Als Mutter hat man sein Kind zu lieben, so wie es ist – Ende! Hier werden viele Fragen aufgeworfen, deren Antworten meist schwierig zu ertragen sind. Eine Geschichte über fehlende Mutterliebe und die Auswirkungen auf die Töchter, die eindrücklich in Erinnerung bleibt und noch einige Zeit nachhallt.

Der Verdacht

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