Über Menschen

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 416 Seiten

Couch-Wertung:

80
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Sandra Dickhaus
Ein Leben im Lockdown mitten im Nirgendwo

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Mai 2021

Dora hat das Leben in Berlin satt. Seit das Corona-Virus die Welt unsicher macht, kann sie vor allem mit der permanenten Präsenz ihres Partners Robert in der Wohnung und seiner immer starrer werdenden Meinung gegenüber den Maßnahmen, die nötig sind, nicht mehr umgehen. So legt er ihr nahe, nicht mehr grundlos das Haus zu verlassen. Dora wächst alles über den Kopf, und sie beschließt, mit ihrer Hündin Jochen-der-Rochen (ja, diesen Namen fand sie mal witzig) aufs Land zu ziehen. Sie kauft ein Haus im Nirgendwo, in einem Ort namens Bracken, in der noch nicht mal alle paar Minuten ein Bus fährt, und Gustav, ihr Fahrrad, hat sie in Berlin gelassen. Ihr Haus besteht nur aus Mauern und Garten; sie besitzt keine Möbel und hat kein Werkzeug, um beispielsweise dem wilden Gestrüpp im Hof Herr zu werden. Doch ihre Nachbarn (der eine, der schon einmal wegen einer Gewalttat verurteilt wurde und rechte Parolen schwingt und Heini auf der anderen Seite, der ihren Garten im Nu bearbeitet hat) stehen ihr zur Seite. Als auf einmal die kleine Franzi auftaucht, die verwahrlost umherirrt und sich um ihren Hund kümmern möchte, kommt sie den Dorfbewohnern doch näher, als sie zunächst wollte. Sie sieht sich neben dem Lockdown nun noch anderen lebensbedrohlichen Problemen ausgesetzt. Dabei lernt sie Menschen kennen, die sie in keine Schublade stecken kann, die ihr aber in ihrem Leben neue Eindrücke verschaffen. Aber was ist nun mit Robert und ihrem Leben in Berlin?

Die Suche nach dem richtigen Leben

Eine Geschichte, die im Hier und Jetzt spielt, im Lockdown rund um Corona, und somit gerade absolut nachfühlbar ist. Emotionsgeladen und voller Frust stecken die einzelnen Seiten des Romans, die im Frühjahr des letzten Jahres spielen. Auch wird hier gekonnt mit versteckten Vorurteilen gespielt, dem aufgeklärten, toleranten, klimafreundlichen Großstädter und den starrsinnigen, eigenwilligen Hinterwäldlern im Dorf. Dabei werden Ideologien, Gesinnungen und starre Regeln infrage gestellt - dies teils mit humorigen Zügen.

Ein Leben auf dem Dorf ist nicht nur schwarz oder weiß

Juli Zehs große Stärke ist es, vom Alltagsleben unterschiedlicher Protagonisten zu schreiben. Hier geht es vor allem um die Suche nach dem richtigen Leben, dem Leben in der Glitzerwelt der Werbung in der Großstadt oder dem intimeren, engeren Leben auf dem Land. Beides hat wohl seine Vor- als auch Nachteile, wie die Protagonistin Dora bemerkt. Allerdings sind es etwas zu viele Klischees, die von der Autorin bedient werden, denn die Menschen, die in einem Dorf leben, sind keineswegs nur schwarz oder weiß, sondern auch bunt. Gut, mit dem Leben eines homosexuellen Paares hat Juli Zeh das Ganze noch etwas farbiger gestaltet, aber so richtig tolerant erscheinen die Menschen dennoch nicht. Ist das ihre Art der Provokation? Der Anregung zum Nachdenken? Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Fazit

In der Stille des Lockdowns und dem Wahnsinn rund um das Virus ist es dennoch laut - nämlich im Kopf der Protagonistin, die sich zwischendurch immer mal wieder selbst im Weg steht. Wichtig ist es doch, miteinander zu kommunizieren, statt sich innerlich zu verschanzen. Eine Alltagsgeschichte, die moderner nicht sein könnte!

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