Was von Dora blieb

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 336 Seiten

Couch-Wertung:

60
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Carola Krauße-Reim
Aufarbeitung der Familienvergangenheit

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Mai 2021

Während einer Ehekrise befasst sich Isa mit ihrer verstorbenen Großmutter Dora. Ein ganzer Umzugskarton ist gefüllt mit Fotos, Briefen und Tagebüchern - auch von ihrem Vater Gottfried, der Isa genauso fremd gewesen ist wie Dora. Langsam erforscht Isa das Leben der beiden und lernt sie und dadurch auch sich besser kennen ...

Drei Generationen vom Krieg gezeichnet

Dora hat als Kind den 1. Weltkrieg erlebt, musste ertragen, dass der Vater vom liebevollen Papa zum distanzierten und gefühlskranken Schweiger wurde und die Mutter zur Matrone mutierte. Um aus dieser familiären Enge zu entfliehen, setzt sie ein Studium an der heutigen „Folkwang-Schule“ in Essen durch. Zusammen mit Frantek und Maritz erlebt sie den Aufbruch in eine andere Zeit. Doch eine unglückliche Liebe lässt sie ihren Traum vom Künstlerdasein begraben, sie wird Hausfrau und Mutter – ebenso distanziert zu ihren Söhnen, wie ihr Vater es zu ihr war. Der ältere, Gottfried, ist ein aufgewecktes Kind, kommt im 2. Weltkrieg kurzzeitig auf eine der Napola-Schulen, Eliteschmieden der Nazis. Nach dem Krieg ist er verschlossen, mürrisch und alles andere als ein in sich ruhender Mensch. Er wird zum Familientyrann und bleibt seinen Töchtern ewig ein Fremder – wieder aufgestaute Emotionen, die nicht gezeigt und gelebt werden. Lediglich zornige Ausbrüche zeigen den verletzten Menschen hinter dem Despoten.

Zwei Zeitebenen ergänzen sich

Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen geschildert: 2014 trennt sich Isa räumlich von ihrem Mann und beginnt die Recherche zu ihrer Familienvergangenheit; dieser Teil wird aus Isas Sicht erzählt. Die Vergangenheit übernimmt ein neutraler Erzähler - daher bleiben uns Gedanken und Gefühle der Personen verborgen, was wiederum viele Fragen unbeantwortet lässt. Nur ein relativ kurzer Teil des Romans dreht sich wirklich um Dora: Ihr Werdegang vom Kind über die Studentin bis zur Ehefrau ist schnell erzählt, jedoch bleibt es völlig offen, warum sich eine Frau, die den Sprung aus dem biederen Elternhaus in die Avantgarde geschafft hat, so plötzlich und ohne Kampf der damaligen Frauenrolle beugt; eine unglückliche Liebe ist da nur eine sehr unzureichende Erklärung. In diesem unbefriedigenden Stil geht es weiter: Die Rolle des Großvaters als Verwaltungsdirektor der I.G. Farben wird nur sehr andeutungsweise aufgearbeitet; warum die Großeltern den Vater auf eine Napola-Schule schicken und warum Gottfried einen so eklatanten Wesenswandel mitmacht, kann man auch nur erahnen und bleibt bis auf wenige Andeutungen im Dunkeln. Von der angekündigten Geschichte über „drei Generationen und einem Jahrhundert in Deutschland“ bleiben nur Eindrücke zurück, die ganz offensichtlich sehr „inspiriert von der eigenen Familiengeschichte“ der Autorin sind. Denn was die Erwartung einer ungewöhnlichen und spannenden Familiengeschichte weckt, entpuppt sich als relativ normales Leben vor, im und nach dem Krieg, der natürlich die Menschen geprägt hat. Wie in so vielen Familien ziehen sich die Sprachlosigkeit und die emotionalen Hemmungen über Generationen – das ist nicht genug für einen spannenden Roman.

Charaktere bleiben auf Distanz

Durch die distanzierte Betrachtung der Personen findet der Leser nur sehr schwer Zugang zu ihnen. Was einen Menschen persönlich greifbar macht - die Gedanken, Ängste und Hoffnungen - bleibt verborgen. Dadurch entsteht eine unüberbrückbare Kluft zwischen Leser und Protagonisten, die auch eine Empathie oder Antipathie nur schwer zulässt. Aber auch Isa, deren Seelenleben sie uns selbst vermittelt, ist kein Charakter, dem man nahekommt; auch sie bleibt für den Leser in endgültiger Konsequenz nicht greifbar. Und welche Rolle Gustav, ihr Nachbar und Liebhaber, spielt, bleibt sowieso sehr nebulös und alles andere als plausibel. Für den Fortgang der Geschichte ist er eigentlich völlig unerheblich.

Fazit

Mit ihrem Debütroman Was von Dora blieb wollte die freie Journalistin Anja Hirsch auf die „Schwierigkeiten der Kriegsenkelgeneration, sich im eigenen Leben zu verankern“ hinweisen. Diesen Anspruch erfüllt der Roman nicht, der eine relativ gewöhnliche Familiengeschichte erzählt und den Leser auf farblose Art und ohne Höhepunkte auf Abstand hält.

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