Die verlorenen Blumen der Alice Hart

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- OT: The Lost Flowers of Alice Hart

- aus dem Englischen von Alexandra Baisch

- TB, 512 Seiten

Couch-Wertung:

68
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Carola Krauße-Reim
Ein nicht ganz durchgängig überzeugender Coming-of-Age-Roman

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Mai 2021

Die verlorenen Blumen der Alice Hart erschien bereits 2019 als Hardcover. Auch das jetzt vorliegende Paperback wird auf dem Cover als „aufwendig illustriert“ und „mit 30 liebevollen Zeichnungen versehen“ bezeichnet - doch wenn man das Buch aufschlägt, ist die Enttäuschung groß: nur graue Strichzeichnungen! Hier ist die ganze Pracht der australischen Flora auf der Strecke geblieben – extrem schade. Denn gerade sie spielt in dem Roman eine oft betonte Nebenrolle und war wohl eine der Inspirationen der Autorin für diesen Coming-of-Age-Roman, denn Ringland wuchs in einem tropischen Garten im Norden Australiens auf und lernte die Nordamerikanische Flora während eines mehrjährigen Urlaubes kennen.

Alice und ihre Familie

Die 9-jährige Alice lebt mit ihren Eltern abgelegen an der Nordostküste Australiens. Ihre Mutter hat einen wunderschönen Garten, der ihr Kraft für das Leben an der Seite ihres Mannes gibt. Der hat extreme Stimmungsschwankungen und scheut nicht davor zurück, sie und auch Alice halbtot zu schlagen. Als ein Feuer das Haus zerstört und ihre Eltern darin umkommen, wird Alice von ihrer Großmutter June aufgenommen, die eine Blumenfarm im Süden besitzt. Doch June verbirgt die Familiengeschichte vor Alice, was zu einem Bruch zwischen den beiden führt - denn Alice merkt, dass sie ihren eigenen Weg gehen muss um sich selbst zu finden ...

Ein sehr fesselnder Beginn, aber dann …

Es geht an die Nieren, zu lesen, wie Alice aufwächst: der prügelnde und unberechenbare Vater; die Mutter, die alles schluckt; und dann die Abgeschiedenheit, die weder durch Schulbesuche noch durch andere Ausflüge verlassen wird. Das ist ein Albtraum im schönen Queensland! Den Leser lässt diese Situation nicht kalt, und man ist schnell in der Geschichte angekommen. Die Autorin formt die kleine Alice zu einem Charakter, der nur Empathie erzeugen kann - anders bei ihrer Großmutter June, die dunkle Seiten zu haben scheint und kein sehr liebenswürdiger Mensch ist.

Auf den ersten Seiten wird die Handlung stetig vorangetrieben, was neugierig auf den Rest macht; doch sobald Alice zu ihrer Großmutter kommt, wird die Geschichte schlagartig ausgebremst und bekommt einen esoterischen Touch, der nicht unbedingt gut für die Erzählung ist. Alices Urgroßmutter hat ein Buch erstellt, in dem sie „die Sprache der Blumen“ definiert hat. Jede trägt laut ihr eine Botschaft, die man allerdings kennen muss, um sie überhaupt zu verstehen. Das war schon in viktorianischer Zeit einmal der letzte Schrei, doch hier im australischen Outback beherrscht diese Sprache niemand, da keiner außerhalb der Familie das Buch kennt; und trotzdem floriert der Handel mit diesen aussagekräftigen Blumen – sehr merkwürdig. Diese werden dann auch noch von „Blumen“ gehegt und gepflegt, die in diesem Fall Frauen sind, die Tragisches erlebt haben. Wie June dazu kommt, eine Art Frauenhaus zu führen, und welche Befähigungen sie überhaupt dafür besitzt, bleibt im Dunkeln. Das nimmt dem eigentlich mitreißenden und sehr gefühlvollen Roman die Logik. Wenn Alice dann als erwachsene Frau auf einmal den Rappel bekommt und die Farm verlässt, scheint sich die Vergangenheit zu wiederholen. Doch dann ist es ganz aus mit der Glaubwürdigkeit und die Geschichte kippt völlig, wird sehr langatmig und driftet in die Abgründe der Trivialität ab.

Inhaltliche Fehler geben dem Leser den Rest

Leider gibt es zu viele Wiederholungen und unnötige Hinweise auf die Familiengeschichte, die natürlich eng mit dem Pflanzenbuch verknüpft ist.  Dieses wird dann auch zu einer Ikone stilisiert, deren Relevanz immer wieder betont wird. Dazu wurden die Kapitel auch noch nach Pflanzen benannt, die durch die leider sehr farblosen Zeichnungen illustriert werden. Das sind einfach zu viele Blumen, die eigentlich alle für die Handlung nur eine geringe Bedeutung haben. Im Verlauf der Geschehnisse und um diese voranzutreiben, wird dem Leser suggeriert, dass ein angeblich einschneidendes Familiengeheimnis unter allen Umständen von June gewahrt werden muss, da es ansonsten alles zerstören könnte. Dieses Geheimnis ist allerdings ziemlich unbedeutend und es bleibt ein Rätsel, warum es überhaupt eines ist – allerdings wäre die Geschichte ohne es relativ kurz.

Schade ist auch, dass sich immer wieder inhaltliche Fehler einschleichen; so wird z.B. Hund Harry als Toby bezeichnet, oder jemand kann sogar aus den Augenwinkeln genau hinsehen. Darunter leidet die ansonsten gute Erzählung. Ringlands Stil ist noch nicht ausgereift, krankt an einer Dysbalance von zu ausschweifenden und zu knapp erzählten Passagen, zu vielen kryptischen Anspielungen und teilweise auch fehlender Logik. Manchmal hat man das Gefühl, dass diese dem vorgesehenen Fortschritt der Geschichte geopfert wird. Bleibt zu hoffen, dass dies alles Mängel sind, die in eventuell noch folgenden Romanen der Autorin ausgemerzt werden.

Fazit

Die verlorenen Blumen der Alice Hart beginnt fulminant, driftet dann aber ins Triviale ab. Wer mit diesem Absturz zurechtkommt, lernt neben einer dramatischen Familiengeschichte auch noch jede Menge australische Pflanzen und ihre angebliche Bedeutung kennen.

Die verlorenen Blumen der Alice Hart

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