Die nicht sterben

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- HC, 272 Seiten

Couch-Wertung:

90
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Carola Krauße-Reim
Rumänische Vampire saugen noch immer

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Apr 2021

Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren, studierte in mehreren europäischen Ländern und lebt heute in der Schweiz. Neben ihren viel beachteten Romanen schreibt sie auch für Kinder und engagiert sich im sozialen Bereich. Mit Die nicht sterben zeichnet sie „ein atmosphärisches Bild des postkommunistischen Rumäniens“, indem sie die Dracula-Legende neu interpretiert.

Ein gepfählter Toter im Familienmausoleum

Die Geschichte spielt in B., einer kleinen Stadt in den Bergen der Walachei. Eine junge Malerin verbringt (wie immer) die Sommerzeit in der Villa ihrer Großtante. Als das Mausoleum der Familie für eine Bestattung geöffnet werden muss, findet man einen scheinbar gepfählten Toten auf dem angeblichen Grab des Fürsten Vlad, dem Vorbild für Bram Stokers Dracula. Das bringt Unruhe in den Ort: Touristenscharen müssen befriedigt werden und der Bürgermeister wittert das große Geld. Die junge Malerin nimmt zum ersten Mal die gesellschaftlichen Probleme wahr, die ihr bis jetzt noch nie bewusst waren.

Präkommunismus – Kommunismus – Postkommunismus

Die junge Frau fungiert als Ich-Erzählerin. Sie ist direkt in die Geschichte involviert und kann trotzdem, durch ihren Status als Urlauberin, Distanz wahren und relative Neutralität schaffen. Sie erlebt in ihrer Kindheit das Rumänien unter Nicolae Ceauçescu, dem Vampir-Diktator des Kommunismus; die Zeit vor ihm kennt sie aus den Erzählungen ihrer Großtante, die einer wohlhabenden Familie aus der rumänischen Bohème entstammt; die Zeit nach der Wende erlebt sie wiederum als Studentin in Paris und als Gast in der wieder familieneigenen Villa in B. Erst jetzt fällt ihr die Armut und die damit einhergehende Perspektivlosigkeit auf: Korruption, Betrug und Vetternwirtschaft gibt es jetzt noch genauso wie zu Zeiten des Diktators. Die machthabenden Vampire saugen die Menschen und das Land weiterhin aus. Im Gegensatz dazu lebt die Großtante mit ihrem Familien- und Freundeskreis in einer Art Parallelwelt, in der keine finanziellen Nöte herrschen und man nicht interessiert ist am Geschehen außerhalb der Gartenmauern, auch nicht an dem Ermordeten in ihrem Familienmausoleum. Sie deklarieren Gedichte, trinken Unmengen Champagner und demonstrieren ihren Unterschied zur „Basse-Classerie“ auf Latein und Französisch. Den Andrang der sensationslüsternen Touristen wehren sie durch eine Sicherheitsfirma und Missachtung ab. Nur die junge Frau spürt die Gegenwart des Fürsten Vlad ganz deutlich.

Eine starke Hand ist gefragt

Dana Grigorcea beschreibt diese Suche nach einer starken, ordnenden Hand mit einer enorm kraftvollen Sprache, die streckenweise an Bram Stokers Stil erinnert. Sie bedient sich wie er der Legende um den Fürsten Vlad, der seine Gegner durch Pfählen tötete, um die gesellschaftlichen Missstände zu verdeutlichen. Die sind im übertragenen Sinn nicht nur in B. zu finden, denn Autokraten weltweit, wie Putin und Trump, verkörpern den Wunsch vieler nach staatlicher Stärke. Herausgekommen ist eine Mischung aus Familiengeschichte, Sozialkritik und Fantasy-Roman. Der Leser muss auf sehr mystisch angehauchte Passagen gefasst sein, die mit Realität nichts mehr zu tun haben und dennoch die Zustände in B. treffend charakterisieren. Geldgier und Machtwille beherrschen den Ort, in dem es gleichzeitig noch archaische Strukturen gibt und der Aberglaube weit verbreitet ist.

Fazit

Dana Grigorcea beschreibt in Die nicht sterben den Zustand der rumänischen Gesellschaft, indem sie wortgewaltig die Dracula-Legende mit einer Familiengeschichte verknüpft. Wenn der Leser bereit ist, sich auf teilweise sehr fantastische Passagen einzulassen, findet er einen Roman vor, der auf sehr ausgefallene Art Gesellschafts- und Sozialkritik übt.

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