Vom Wesen der Götter

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann

- Broschur, 720 Seiten

Couch-Wertung:

71
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Monika Wenger
Längst vergangene Zeiten

Buch-Rezension von Monika Wenger Mai 2021

Cascais, Portugal, westlich von Lissabon: Die Kassiererin einer Buchhandlung bringt in regelmäßigen Abständen Bücherpakete zu der Senhora, welche im obersten Stockwerk einer Villa ein einsames Leben führt. Doch die Bücher sind nur Mittel zum Zweck - die Senhora braucht eine Zuhörerin für ihre Lebensgeschichte ...

«… nicht die Bücher sind ihr wichtig, es ist ein Mensch, ganz egal welcher, auch ein Landei wie ich, der ihr zuhört …»

Die Senhora lebt zurückgezogen in einem Zimmer im obersten Stockwerk einer großen Villa mit Garten in Cascais. Der Ort ist eine begehrte Sommerfrische für Lissabons Oberschicht. Als Sechzehnjährige wurde sie dem Senhor Doutor, einem reichen Emporkömmling und Vertrauten des portugiesischen Präsidenten Salazar, vorgestellt. Von ihrer Schönheit tief beeindruckt, will sie der Senhor Doutor als Ehefrau. Doch das Paar findet in der Ehe nicht zu einander; sie bleiben sich fremd und abgeneigt.

Geld allein erfüllt nicht alle Wünsche - dies muss auch der Senhor Doutor im Laufe seines Lebens feststellen. Die Senhora straft ihren Ehemann aus den verschiedensten Gründen mit Verachtung und verwehrt ihm den Zutritt zu ihren Zimmern. Als die Ärzte ihm mitteilen, dass er nicht zeugungsfähig ist, schickt er seinen Diener Marçal zu seiner Frau, damit er die ehelichen Pflichten übernimmt. Schließlich ist er - als einflussreicher Mann - seinem guten Ruf verpflichtet, hat Ehre und Männlichkeit Rechnung zu tragen.

Maskerade

Die geschäftlichen Belange werden auch auf dem Tennisplatz abgewickelt. Die feine Gesellschaft trifft sich jeweils am Sonntag zum Tennis. Die Damen kümmern sich, mit üppigem Schmuck behängt und kräftig geschminkt wie Clowns, um die Geschäftspartner ihrer Ehemänner. So ganz nebenbei werden dubiose Geschäfte abgewickelt, Geliebte ausgehalten und die arbeitende Bevölkerung ausgenutzt und terrorisiert.

António Lobo Antunes zeichnet in seiner unnachahmlichen Art das abgehobene Leben der Oberschicht anhand des reichen Emporkömmlings Senhor Doutor. Unbarmherzig und auf seinen eigenen Vorteil bedacht, behandelt dieser die Menschen ohne jegliche Empathie. Doch nach und nach mehren sich Anzeichen von menschlicher Schwäche: Die Zeugungsunfähigkeit ist nur eines davon; das Älterwerden und die damit verbundene Impotenz eine weitere. Das alles macht ihm schwer zu schaffen. Er definiert sich sehr über seine Männlichkeit und behandelte bisher Frauen ohne Respekt. Gnadenlos schickt er seine Geliebte zurück zu ihrem Ehemann, weil sie erste Falten aufweist.

Lobo Antunes lässt in diesem Roman verschiedene Personen die Geschichte erzählen. Die unterschiedlichen Sichtweisen unterstreichen gekonnt die gesellschaftlichen Strukturen und Merkmale. Über allem steht aber der Machismo: Das uralte Spiel zwischen Männern und Frauen - in diesem Roman wird es ein übergreifendes Thema. Mit derselben Intensität behandelt Lobo Antunes die sozialen Unterschiede, den gesellschaftlichen Status, diese Rangstufen und ihre Spielregeln. Einzig Krankheiten und die Endlichkeit scheinen natürliche Grenzen aufzuzeigen und zwingen auch Leute wie den Senhor Doutor in die Knie.

Ein beeindruckender Einblick in vergangene Zeiten. Eindrücklich, weil die Sätze wie Spinnweben hin und her flattern. Ausladende Sätze, manchmal Gedanken, die durch die Seiten schweben und sich mit der effektiven Handlung vermischen, manchmal nur Erzählung. Diese Eigenart von Lobo Antunes verlangt beim Lesen große Präsenz, vermittelt aber auch das Gefühl von Trägheit, Wehmut und einer gewissen Melancholie.

Das siebenhundert Seiten dicke Werk ist erstmals im Oktober 2018 im Luchterhand Verlag erschienen. Nun gibt es aus dem btb-Verlag die Taschenbuchausgabe.

Fazit

Sprachgewaltig, intensiv und detailgenau gewährt dieser Roman Einblick in eine vergangene Zeit und alte Gesellschaftsstrukturen. Wortgewandt lässt Lobo Antunes das Leben zu Zeiten des Diktators Salazar auferstehen und erzählt perspektivisch vom Werden, von nicht erfüllten Träumen und vom Vergehen. Die Lektüre ist anspruchsvoll und erfordert die ganze Aufmerksamkeit der Leserschaft. Im Gegenzug taucht man ein in die portugiesische Lebensweise und die Saudade, diese ganz spezielle Art von Wehmut und Traurigkeit.

Vom Wesen der Götter

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