Eine ganze Welt

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- aus dem Englischen von Anette Grube

- HC, 288 Seiten

Couch-Wertung:

80
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Sandra Dickhaus
Eine Schwangerschaft mit fast 60 Jahren? Und nun?

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Apr 2021

Suri Eckstein ist schwanger! Ein Grund zur Freude? Eher nicht - denn sie ist 57 Jahre alt, das Oberhaupt einer Großfamilie, und wird bald Uroma. Und nun? Sie schämt sich so sehr und weiß nicht, was sie davon halten soll. Ist es eine absolute Katastrophe, oder hat sich Gott noch etwas für sie ausgedacht? Als ob diese Nachricht ihr Leben nicht schon genug ins Wanken bringen würde, erfährt Suri auch noch, dass sie Zwillinge erwartet. Suri und ihre Familie sind sehr gläubig, Mitglieder der chassidischen Gemeinde in Brooklyn, und sie kann sich nicht vorstellen, wie das alles werden soll. Selbst ihrem Mann Yidel erzählt sie nichts von der Schwangerschaft - auch nicht, als ihr Bauch immer größer wird. Was sollen denn die Gemeindemitglieder von ihr denken? Ihre Scham überdeckt alles andere. Doch durch diese Erfahrung öffnet sich eine neue Tür: Sie darf mit ihrer Hebamme im Krankenhaus arbeiten, lernt neue Menschen und andere Meinungen kennen. So langsam stellt sie die starren Regeln ihrer Glaubensgemeinschaft in Frage - was bei ihrer Familie nicht auf Gegenliebe stößt.

Der Versuch, aus strengen Konventionen auszubrechen

Ein eindringlich erzählter Roman, der sich mit dem Werdegang einer in einem starren religiösen Korsett lebenden Frau beschäftigt, die im fortgeschrittenen Alter in den Genuss neuer Erfahrungen kommt. Suris Schwangerschaft lässt sie nachdenken - und zwar über den Tod ihres nicht angepassten, homosexuellen Sohnes, ihre Ehe, die in jungen Jahren geschlossen wurde, die Starrsinnigkeit ihrer Kinder, wenn es um das Einhalten von Regeln geht, und den Wert der Liebe.

Zu Beginn braucht man ein wenig, um sich mit dem Schreibstil der Autorin anzufreunden. Die jüdischen Begriffe lassen den Lesefluss stocken und man kann den Roman nicht einfach mal so lesen; um das Ganze zu begreifen, bedarf es schon einer gewissen Konzentration. Inhaltlich ist der Roman kaum zu übertreffen. Es geht um so viel Essenzielles: die Ausübung des Glaubens, die Starrheit von Regeln, die grenzenlose Liebe zwischen Eheleuten, das Aufbegehren einer Frau und das Hinterfragen von Normen.

Sympathische Figuren und ein Umdenken, das stattfinden muss

Suri, die Figur, um die es eigentlich geht, ist eine sehr sympathische Frau, die man aber häufiger mal anstupsen möchte, damit sie ihrem Mann Yidel endlich mitteilt, dass sie Zwillinge erwartet. Die Geschehnisse spitzen sich für Suri immer weiter zu; der Rest der Familie ahnt nichts davon und lebt weiter wie bisher. Das Umdenken, das bei Suri stattfindet, macht gerade ihre Stärke aus. Endlich kann sie ihren engen Radius, der jahrzehntelang nur ihre Familie und die Gemeinde umfasste, verlassen und sehen, wie andere Frauen leben. Sie möchte nun lernen und eigenständiger werden. Schade ist es, dass sie dies erst so spät erkennt. Außerdem ist es absolut unverständlich, wie ihr Mann, der sogar neben ihr schläft, nicht erkennt, dass sie schwanger ist. Tief im Inneren wird er es gewusst und verdrängt haben - ganz bestimmt.

Fazit

Ein Roman, den man mit Worten schwierig beschreiben kann, da er so facettenreich ist. Es geht nicht nur um die späte Schwangerschaft einer Frau, die zuvor schon zehn Kinder geboren hat, sondern eigentlich um den Weg in die eigene Unabhängigkeit und das Aufbrechen starrer Strukturen gegen jeglichen Widerstand.

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