Vergesst unsere Namen nicht

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

- OT: Bandeklosteren

- aus dem Norwegischen von Thorsten Alms

- Broschur, 352 Seiten

Couch-Wertung:

70
Wertung wird geladen
Carola Krauße-Reim
Judenverfolgung in Norwegen

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Apr 2021

Erst als Simon Stranger vor dem Stolperstein für Hirsch Komissar in Trondheim steht, wird ihm wirklich bewusst, dass seine Frau Rikke einer norwegisch-jüdischen Familie entstammt. Die Fragen seines Sohnes zum Ururgroßvater nimmt der Autor zum Anlass, über die Familie zu forschen und zu schreiben ...

Der Roman basiert auf historischen Begebenheiten

Hirsch Komissar stammte ursprünglich aus Russland, war eigentlich Ingenieur, sprach sechs Sprachen und besaß mit seiner Frau Marie ein Bekleidungsgeschäft in Trondheim. Am 12.1.1942 wurde er verhaftet, kam ins Lager Falstad und wurde dort am 7.10.1942 ermordet. Nach dem Krieg zog sein Sohn Gerson ausgerechnet in das Haus des Nazi-Kollaborateurs Henry Rinnan, in dem Menschen gefoltert und umgebracht wurden. Simon Stranger beleuchtet beide Seiten – die der jüdischen Bevölkerung anhand der Familie seiner Frau, und die der Nazis, indem er sich Henry Rinnans widmet. Dieser Teil des Romans ist fiktive Narration, die auf zahlreichen Biografien über den Mann fußt. Die Familiengeschichte der Komissars ist streckenweise auch fiktiv, „besonders gilt dies natürlich für die Gedanken und Gefühle der beteiligten Personen“ - doch vieles erfährt Stranger quasi aus erster Hand durch seine Schwiegermutter Grete (die übrigens im Klappentext fälschlicherweise als seine Frau bezeichnet wird).

Von A bis Z

Die Kapitel tragen die Buchstaben des Alphabets. Teilweise werden nur Stichworte zum Buchstaben genannt, manchmal folgen ganze Erzählstränge. Das ist teilweise eher hinderlich als interessant; wenn z.B. „C wie Cadillac“ oder „M wie Migräne“ erwähnt wird, frage ich mich, in welchem Zusammenhang das zum Roman steht. Ein Teil der tatsächlichen Erzählung dreht sich um die Familie Komissar, dabei aber nur sehr wenig um Hirsch und mehr um seinen Sohn Gerson, dessen Kinder und Ehefrau Ellen, die sehr darunter leidet, im Haus von Henry Rinnan leben zu müssen. Der größte Teil der Narration beschäftigt sich dann auch mit diesem Mann. Mir war er unbekannt und ich musste mich erst einmal informieren, um dem Verlauf der Geschichte folgen zu können, was vermutlich vielen nicht-norwegischen Lesern auch so gehen könnte. Die Konzentration auf diesen Nazi-Kollaborateur, der für den Tod so vieler Menschen verantwortlich war, hat mich irritiert, da ich den erzählerischen Schwerpunkt des Autors auf dem jüdischen Part vermutet hatte. So aber vermittelt er bis ins Detail die Entwicklung des Kindes aus ärmlichen Verhältnissen hin zum skrupellosen SS-Mann, wobei er sehr ausführlich auf Gefühle und Gedanken eingeht - was in diesem Fall einer historischen Person eher fraglich als unterhaltend ist. Im reduzierten Part um die Familie Komissar erfährt man von der Unterstützung durch Fluchthelfer, die Juden über die grüne Grenze nach Schweden brachten, von den Lagern der Nazis, aber vor allem von der seltsamen Abgestumpftheit, was das Haus der „Rinnan-Bande“ betrifft: „Aber was hat das schon zu bedeuten, Gerson? Der Krieg ist vorbei und die Rinnan-Bande längst aus dem Haus raus“, lässt Stranger Marie, die Frau von Hirsch, sagen. Warum eine Frau, die ihren Mann und ihren Besitz durch die Nazis verloren hat, so denken und wie ihr Sohn in einem solchen Haus seine zwei Töchter aufziehen kann, ist mir schleierhaft und wird leider auch vom Autor nicht wirklich erklärt oder begründet.

Manchmal verstörende Fakten -  manchmal zu viel Erzählung

Die Zeit der Nazis in Norwegen – auf der einen Seite ihre Taten und ihre Helfer, auf der anderen die norwegische Bevölkerung – ist nur wenig im Rest Europas bekannt. Das Schicksal der Juden in dem besetzten Land geht ein wenig unter, und deshalb ist ein Blick darauf umso wichtiger, denn wieder Titel schon sagt: Die Namen dürfen nicht vergessen werden. Hirsch Komissar wird durch den Stolperstein vor seinem Wohnhaus und durch diesen Roman in Erinnerung bleiben. Sein Schicksal wird zwar kurz abgehandelt, aber erzählt doch von Angst, Verzweiflung und vergeblicher Hoffnung. Die Konzentration auf Henry Rinnan finde ich sehr bedauerlich - für meinen Geschmack wurde ihm zu viel Raum in der Erzählung gewährt. Dazu kommt die sehr gefühlsbetonte Art seiner Darstellung, die ich in einem Buch über verfolgte Juden deplatziert finde. Das ständige Springen zwischen Rinnan, der Familie Komissar nach dem Krieg und dem Autor in der heutigen Zeit hat zudem die Brisanz aus der Geschichte genommen. Eine chronologische Bearbeitung des Themas wäre vorteilhafter gewesen; sie hätte die Lage in Norwegen, die Verfolgung der Juden und die Probleme in der Zeit danach besser darstellen können.

Fazit

Vergesst unsere Namen nicht zeigt die Situation der Juden in Norwegen zur Zeit der deutschen Besetzung. Es wird an Hirsch Komissar und seine Familie erinnert, aber auch in langen Passagen das Leben des Nazi-Kollaborateurs Henry Rinnan erzählt. Der auf den Biografien aufbauende Roman ist im Stil gewöhnungsbedürftig, lädt auf aber auf jeden Fall zur Reflektion und eventuell weiterer Recherche ein.

Vergesst unsere Namen nicht

Vergesst unsere Namen nicht

Deine Meinung zu »Vergesst unsere Namen nicht«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik